Hemmungslos klischeehaft

Kultur / 14.02.2020 • 19:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die VerwandeltenThomas BrussigWallstein Verlag328 Seiten

Die Verwandelten

Thomas Brussig

Wallstein Verlag

328 Seiten

Thomas Brussig lässt Waschbären auftreten.

Roman Die mecklenburgischen Teenager Fibi und Aram verwandeln sich in einer Autowaschanlage in Waschbären, weil eine Quatschanleitung dazu aus dem Internet seltsamerweise funktioniert. Dieser Start von Thomas Brussigs neuem Roman „Die Verwandelten“ wird manchen zurückzucken lassen. Auf der anderen Seite hat sich Brussig (55) seit seinem Vereinigungs-Bestseller „Helden wir wir“ Mitte der 90er und dem Nachfolger „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“, erfolgreich verfilmt als „Sonnenallee“, dem Publikum als immer unterhaltsamer Autor mit Falkenblick für Grotesk-Komisches eingeprägt.

Im neuen Buch greift er ins Volle und lässt seine beiden Hauptpersonen als Waschbären, „aber unter Beibehaltung ihrer seelischen Identität“ das elterliche Zuhause im Dorf Bräsenfelde ansteuern. Das quicklebendige Teenagermädchen Fibi kann sich auch als Waschbär munter unterhalten, während der zurückhaltendere Aram Menschen gegenüber verstummt. Vor allem aber hadert der talentierte Fußballer damit, dass die Veränderung ausgerechnet am Tag vor seinem vielversprechenden Probetraining beim „Hasfau“ (HSV) ihren Gang nehmen musste. Ansonsten aber nehmen Fibi und Aram den neuen Status und dessen vollkommen unerklärliche Ursache gelassen hin. Dabei hilft, dass Fibis Eltern recht zügig der Gedanke zur Versilberung dieser Bräsenfelder Weltsensation kommt. Im Teil über die mediale Vermarktung von Fibi im Privatfernsehen mit den Strickmustern vom „Dschungelcamp“ und Millionen-Einnahmen für die Familie nimmt Brussigs Roman satirisch Fahrt auf.

Beschwingt werden Figuren aus der Medienwelt vorgeführt, hemmungslos klischeehaft, aber immer verständnisvoll. Da ist die quotengeile Produzentin vom Privatfernsehen, die bei den sabbernden Männern leichtes Spiel hat. Komplexer und interessanter findet sie die Aufgabe, das „Beauty-Gap“ gegenüber anderen Frauen so zu neutralisieren, dass diese sie als Freundin ins Herz schließen, statt sie als hoffnungslos überlegene Konkurrentin abzulehnen. „Wir dürfen bei geilen Männern Punkte machen, aber die dürfen wir nicht wieder bei eifersüchtigen Frauen verlieren.“ Brussig lässt auch einen pensionierten Juristen zu Hochform beim Ausschlachten der Waschbär-Sensation auflaufen. Zur Hand geht ihm eine patente Online-Journalistin mit vorher recht prekären Arbeitsverhältnissen.

Das bringt Spaß

All das bringt Spaß, weil Brussig die absurde Medienwirklichkeit offenbar bestens von innen kennt und gar nicht groß übertreiben muss, um Komik zu überzeugen. Schwerer wiegt, dass der Roman nicht nur einmal unmotiviert die Spur wechselt, aufwendig ausgelegte Spuren sich im Nichts verlieren und wir dabei der Hauptfigur eigentlich nie auch nur einen Millimeter näher kommen.