historische Biografie. Meinrad Pichler über Anna Katharina Stülz

Kultur / 14.02.2020 • 16:59 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Die Streichmusik Stülz um 1880: v. l. Josef jun., Maria, Josef sen,. Michael, Anna Katharina, Jodok.
Die Streichmusik Stülz um 1880: v. l. Josef jun., Maria, Josef sen,. Michael, Anna Katharina, Jodok.

Musik spielte im Leben des Bezauer Schuhmachers Josef Stülz (1820-1906) eine bestimmende Rolle. Bereits als Buben wurden er und sein jüngerer Bruder Michael im oberösterreichischen Stift Sankt Florian zwei Jahre zu Sängerknaben ausgebildet. Ihr berühmter Onkel, Prälat Jodok Stülz, hatte diese Ausbildung ermöglicht. Den zweiten Anstoß zur musikalischen Weiterbildung gab der Finanzbeamte Eduard Tragweger aus Gmunden, der ab 1835 am Steueramt Bezau in Dienst stand und eine Reihe junger Bezauer für eine Blasmusikbande, so der damalige Ausdruck für eine Blaskapelle, zu begeistern wusste. Tragweger stammte aus einer musikbegeisterten Familie, bei der Franz Schubert 1825 die Sommerfrische verbracht hatte, und spielte selbst verschiedene Blasinstrumente. Als Tragweger 1850 Bezau verließ, übernahm Josef Stülz das Amt des Kapellmeisters. Aber nicht nur in dieser Funktion bildete er zahlreiche junge Musikanten aus.

Es waren vor allem die eigenen Kinder, die nach väterlicher Anleitung in der zweiten Hälfte des 19. Jahhunderts das musikalische Leben in und über Bezau hinaus dominierten. Josef Stülz und seine Frau Anna Katharina Meusburger (1819-1895) hatten insgesamt 14 Kinder, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Sie alle waren als Instrumentalist(inn)en und Sänger(innen) in unterschiedlichen Formationen aktiv. Vier von ihnen bildeten zusammen mit dem Vater das Streicherensemble Stülz, das über Jahrzehnte hinweg die weltlichen und kirchlichen Feiern im Hinteren Bregenzerwald verschönerte.

Von den Töchtern der Schuhmacherfamilie Stülz waren es besonders Maria, Theresia und Anna Katharina, die bis zu ihrer Verheiratung als Sängerinnen tragende Stimmen im Kirchenchor waren und als Geigerinnen im „bestens bekannten Stülz-Orchester“ – so das Vorarlberger Volksblatt – aufspielten. Nach der Verehelichung war es für Frauen nicht mehr schicklich, öffentlich bei Vergnügungsveranstaltungen aufzutreten. Nur Maria Stülz trat auch als verheiratete Frau Rüscher immer wieder mit den Geschwistern auf. Theresia Stülz brachte in den ersten zwölf Jahren ihrer Ehe zehn Kinder zur Welt. 1890 suchte ihr Mann Thomas Feuerstein in Brasilien nach einer besseren Existenzmöglichkeit für die große Familie und ist dabei verschollen. Für die Witwe gab es weder Zeit noch Anlass für weiteres Musizieren.

Die musizierenden Stülz-Töchter waren nicht nur bekannt und ob ihres Talents beneidet. Wer sich exponiert, darf nicht nur auf Lob hoffen, er muss auch mit Kritik rechnen. Die Musikerin und Volksliedforscherin Evelyn Fink-Mennel hat in einer Auer Sammlung ein spottendes Tanzlied, überschrieben als „Stülzo-Walzer“, gefunden. Darin werden die drei Damen recht derb besungen:

Hudri, schöane Marie, meor ischt as glii

Hudri, wüoschte Kathrin, i schiiß dor drinn.

Hudri, schöane Theres, du bescht mor bös.

Der angeblich „wüoschten Kathrin“ soll unser weiteres Interesse gehören, obwohl die Quellen über die musizierenden Brüder weit mehr zu sagen haben. Nicht weil sie musikalisch den Schwestern überlegen waren, sondern weil sie im Gegensatz zu den Frauen führende Funktionen in Chören und Kapellen innehatten. Josef Stülz junior (1845-1910) fungierte beispielsweise 42 Jahre als Organist und Leiter des Kirchchors und führte ebenso lange den Taktstock als Kapellmeister der Bezauer Bürgermusik. Auch als Komponist von Märschen trat er in Erscheinung. Solche Entfaltungsmöglichkeiten gab es für Frauen nicht, schon gar nicht für die eher scheue „Kathrin“.

Anna Katharina Stülz wurde am 15. Februar 1861 als zwölftes Kind in die musikalische Familie geboren. Schon als junges Mädchen hatte sie öffentliche Auftritte mit dem Familienorchester. Bald beherrschte sie alle gängigen Saiten- und Tasteninstrumente. Nur Blasinstrumente waren den Männern vorenthalten. Deshalb spielte sie im Laufe ihres Lebens in allen Formationen außer in der Blaskapelle.

Nachdem alle ihre Schwestern geheiratet hatten, fiel ihr die Versorgung der Eltern zu, das hieß, sie musste daheim und ledig bleiben. Die zahlreichen Kinder ihrer Schwestern hatten in ihr eine liebenswürdige, kenntnisreiche und großzügige Tante. Etlichen stand sie Patin und alle Stülz-Töchter tauften eines ihrer Mädchen nach ihrer lieben Schwester. Ihr Zölibat ermöglichte ihr aber, sich ganz der Musik zu verschreiben. Das zeigte sich in zahlreichen Auftritten mit ihren Brüdern. Anlässe gab es viele: Die Stülzo-Musig gab der Ankunft eines neuen Pfarrers den festlichen Rahmen, spielte bei der Verabschiedung eines angesehenen Lehrers, gestaltete feierliche und anspruchsvolle Messen und füllte die Pausen bei Aufführungen der Bezauer Theatergesellschaft. Besonders gefragt waren ihre anspruchsvollen Musikstücke, dazu gehörten auch in ländlichen Gegenden ungekannte Ausschnitte aus Mozart-Sonaten, bei den damals weitum bekannten Theatermachern in Bizau. Auch als sich diese 1881 im Bizauer Schwanen Lessings Klassiker „Minna von Barnhelm“ auführten, umrahmte das Stülz-Orchester den denkwürdigen Abend mit „Gesang und Spiel“.

Reich wurden die geschätzten Musiker(innen) mit ihrer Kunst nicht. Die Gagen wurden in Kreuzern und nicht in Gulden bezahlt.

Etwas einträglicher war die Tätigkeit als Musiklehrerin. Nachdem die Schwester Maria durch ihre Familie gebunden war und deshalb in Bezau Musikunterricht gab, ging die mobilere Schwester über die näheren und ferneren Dörfer. Besonders in den 1890er Jahren wurde es auch in ländlichen Gebieten schick, wenn Mädchen ein Instrument lernten. In den bürgerlichen Familien in den Städten gehörte es seit dem Biedermeier zu einer standesgemäßen weiblichen Erziehung, dass Mädchen neben der Haushaltsführung eine Fremdsprache und ein Instrument erlernten. Während für junge Frauen aus dem städtischen Bürgertum das Klavier das angesagte Instrument war, bedeutete am Land das Zitherspiel die angesehenste Veredelung der weiblichen Erziehung. Vor allem waren es Wirtstöchter, die die frühen Touristen in Tracht und mit Zither in ihren romantischen Erwartungen an ländliche Ursprünglichkeit bedienten. So waren denn auch die Hauptorte in den Vorarlberger Talschaften die Stationen, an denen die Musiklehrerin Anna Katharina Stülz oft über mehrere Wochen und bisweilen mehrmals im Jahr gastierte: In Au und Egg, in Schruns und in Mittelberg. Mehrfach habe sie auch außerhalb der Landesgrenzen Musikunterricht abgehalten. Laut Zeitungsinserat erteilte sie Stunden in Zither, Gitarre, Violine und Klavier. Überall, wo sie einmal unterrichtet hatte, wurde sie wieder gerufen. Neben ihren umfassenden musikalischen Kenntnissen und ihren instrumentalen Fertigkeiten war es vor allem ihre „charaktervolle Leutseligkeit“, die die Mutter einer ihrer Schülerinnen zu rühmen wusste.

Bis zum Tod ihres Vaters im Jahr 1906 versorgte sie dessen Haushalt und erbte schließlich das Häuschen, das sie dem Vater zu kaufen geholfen hatte. Zeitweise wohnte sie im oberen Stock eines neuen Hauses, das neben dem Bezauer Bahnhof von ihrer Schwester Cäcilia und deren Mann erbaut worden war.

Sie konnte aber ihre neue Eigenständigkeit nicht mehr lange genießen. Im Alter von 49 Jahren verstarb sie am 11. Oktober 1910. Die letzten Jahre seien für Anna Katharina Stülz „ein wahres Martyrium“ gewesen, hieß es in einem kurzen Nachruf vom Oktober 1910. Zuerst musste ihr ein Bein amputiert werden, „später traten immer wieder neue Geschwüre auf, indem sich das Blut in Eiter zersetzte.“

Laut Verlassenschaft war das nur karg eingerichtete Elternhaus mit alten Schulden belastet. Die Aktiva und Passiva glichen sich in etwa aus. Die bedeutendste Hinterlassenschaft der Musiklehrerin waren ein Klavier, eine Violine und „Noten für die Streichmusik“. Ihre Schwestern Maria und Theresia bat sie, 20 Jahrtagsmessen lesen zu lassen. Dafür hätten die Geschwister dem bischöflichen Ordinariat in Brixen 800 Kronen hinterlegen müssen. Das konnten oder wollten sie aber nicht. Auf Intervention des Ortspfarrers wurde die Summe schließlich auf die Hälfte reduziert, weil die Verstorbene ihr Leben lang „mit großem Eifer und schöner Stimme“ im Kirchenchor gesungen und viele Hochämter mit ihrem Geigenspiel feierlich mitgestaltet hatte.

Anna Katharina Stülz, die begabte, aber allzeit zurückhaltend bescheidene Musikerin, sei eine „weithin bekannte“ Persönlichkeit gewesen, meinte ein Zeitgenosse. Dieses Frauen- und Künstlerinnenschicksal sollte hiermit in Erinnerung gerufen werden.