Historischer Justizirrtum heizt gesellschaftliche Debatte an

Kultur / 14.02.2020 • 19:35 Uhr / 2 Minuten Lesezeit
Der Film „J‘accuse“ über die Affäre Dreyfus von Roman Polanski wurde zwölf Mal für den César nominiert. frenetic films
Der Film „J‘accuse“ über die Affäre Dreyfus von Roman Polanski wurde zwölf Mal für den César nominiert. frenetic films

Im Streit um die Polanski-Nominierung tritt die Leitung des César-Filmpreises zurück.

Paris Der César, das sind die französischen Oscars. Die jährliche Gala ist ein nationales Ereignis. Doch nun gibt es Streit – nicht zuletzt wegen Regisseur Roman Polanski. Sein Film „J‘accuse“ wurde zwölf Mal für den César nominiert, kurz zuvor waren neue Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn öffentlich geworden. Die Nominierungen sorgten für einen Aufschrei. Nun hat die Führung der Akademie geschlossen ihren Rücktritt erklärt.

Der kollektive Rücktritt werde die vollständige Erneuerung ermöglichen. Er überrascht Frankreichs Filmwelt rund zwei Wochen vor der nächsten Vergabe der Césars am 28. Februar. Der Leitung gehören 21 Filmpersönlichkeiten an. Ihr schlägt schon länger heftiger Gegenwind entgegen. Es sei an der Zeit für eine „tiefgreifende Reform der Führungsstrukturen“, forderten etliche Filmschaffende in einem offenen Brief. Sie prangerten verkrustete Strukturen, fehlende Parität und einen Mangel an Mitspracherecht der Akademie mit ihren insgesamt 4700 Mitgliedern an. Den Fall Polanski erwähnten sie in ihrem Wutbrief nicht, aber das mussten sie auch nicht. Denn die Debatte ist omnipräsent: Mitte November war es bei einer Premiere des Polanski-Films in Paris zu Protesten gekommen. Einige Vorführungen des Dramas über die Dreyfus-Affäre, einer der größten Justizirrtümer Frankreichs, wurden abgesagt. Die Schauspielerin Valentine Monnier hatte Polanski beschuldigt, sie 1975 vergewaltigt zu haben. Polanskis Anwalt wies das zurück. Spätestens seit „J‘accuse“ als Favorit bei den Césars ins Rennen gegangen ist, steht in Frankreich die Frage im Raum: Lassen sich Werk und Autor trennen?