Details zum Kanton Übrig

Kultur / 15.02.2020 • 11:05 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Nur im Beipacktext ging es bei diesem Plakat um den Kanton Übrig. VORARLBERGER PRIVATSAMMLUNG, FOTO: JANA SABO

Im Jahr 1919 appellierten Schweizer an die Hilfsbereitschaft der Eidgenossen für die Vorarlberger.

Christa Dietrich

Genf, Bregenz Das Elend ist groß gewesen nach dem Ersten Weltkrieg, bei dessen Beginn viele in Österreich glaubten, dass die Sache rasch und siegreich zu erledigen sei. Nach vier Jahren waren Millionen Tote zu beklagen, die Zivilbevölkerung und die Heimgekehrten darbten. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie wurde an den Überlebenschancen des kleinen Österreich gezweifelt. Nicht nur in Vorarlberg gab es Anschlussbestrebungen an die Nachbarstaaten, in Salzburg und in Tirol liebäugelte man etwa mit Bayern. Die Mehrheit der Vorarlberger Wahlberechtigten stimmten im Mai 1919 dafür, dass die Landesregierung Anschluss-Verhandlungen mit der Schweiz aufnimmt. Mitunter taucht dabei zur Illustration das nebenstehende Plakat auf.

Die Verwendung in diesem Kontext ist allerdings nicht ganz richtig, wie der Kunsthistoriker Tobias G. Natter bestätigt, der weiß, dass das in Genf hergestellte Plakat, das eine flehentlich bittende Frau und zwei halbwüchsige Kinder zeigt, sozusagen nur im Beipacktext mit Anschlussabsichten zu tun hat. In Auftrag gegeben wurde es von lokalen Schweizer Komitees, die sich für die notleidende Bevölkerung in Vorarlberg eingesetzt hatten.

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Von diesem Plakat gibt es nur wenige Exemplare. Vorarlberger Privatsammlung, Foto: Jana Sabo

Das Sujet war bewusst so gewählt: Die Moral gebietet es, einer Mutter zu helfen. Während der Text somit „Eidgenossen helft euern Brüdern in Not“ lautet, war eine Frau abgebildet. Die Walser-Tracht sollte wohl daran erinnern, dass einst Teile von Vorarlberg von Walsern besiedelt wurden, dass man den Vorarlbergern somit besonders nahe stand. Verbreitung fand dieses Plakat ausschließlich in der Schweiz. Abgesehen davon, dass das Vorarlberger Landesarchiv im Besitz eines Exemplares ist, fehlt es in den öffentlichen Plakatsammlungen. Historische Bedeutung wurde ihm damals noch nicht gegeben, das abgebildete Exemplar stammt aus einer Privatsammlung.

Wirtschaftshilfe

Die erwähnten Komitees boten den Vorarlbergern wirtschaftliche Hilfe, man sammelte Geld, aber auch Nahrungsmittel und Medikamente. Die Versorgungslage in Österreich war katastrophal. Natürlich standen auch politische Beweggründe hinter der Aktion. Einige Schweizer konnten der Idee, dass Vorarlberg als weiterer Kanton eingegliedert wird, etwas abgewinnen. Das Thema hatte sich schlussendlich aber nicht nur erledigt, weil viele ein Ungleichverhältnis unter den Sprach- und Religionsgruppen in der Schweiz befürchteten und Vorarlberg somit als katholischer Kanton „Übrig“ war, sondern weil der Vertrag von Saint-Germain für Österreich ohnehin Anschlussverhandlungen überflüssig machte, bevor sie konkret wurden.