“Wüstenblume”, ein gutes Musical mit wichtiger Botschaft

Kultur / 24.02.2020 • 12:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Wüstenblume", ein gutes Musical mit wichtiger Botschaft
Szene aus “Wüstenblume”, dem Musical nach der Geschichte von Waris Dirie. THEATER/ETTER

Uraufführung des Musicals “Wüstenblume” wurde in St. Gallen in Anwesenheit der Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie gefeiert.

St. Gallen Schon bevor Waris Dirie beim Schlussapplaus auf die Bühne kommt, haben sich die Zuschauer von den Plätzen erhoben. Groß, schlank im weißen Kleid mit buntem Stirntuch steht sie da, die High Heels wurden rasch ausgezogen und zur Seite geschubst. Die Botschaft ist angekommen, es geht nicht um das Supermodel, das es unter denkbar schwierigsten Voraussetzungen in der Glamour-Branche ganz nach oben geschafft hat, sondern um die Menschenrechtsaktivistin, die ihre Bekanntheit nutzt, um gegen weibliche Genitalverstümmelung einzutreten und damit für Bildung. Dem millionenfachen Leid konnte immer noch kein Ende gesetzt werden. Die Gleichgültigkeit derer, die für Aufklärung sorgen könnten, ist zu groß, Erfolge gibt es dort, wo Mädchen Schulen besuchen können. Dafür setzt sich die Organisation „Desert Flower“ von Waris Dirie, die mittlerweile Österreicherin ist, unter anderem auch ein.

Faktoren für einen Welterfolg

Denselben Titel trägt auch ihr erstes Buch „Wüstenblume“, das so wie weitere ihrer Bücher längst ein Weltbestseller ist. Vor rund zehn Jahren wurde das Buch verfilmt, die Bühnenadaptierung war an sich nur eine Frage der Zeit. Nun ist sie da: Am Samstagabend wurde das Musical „Wüstenblume“ am Theater St. Gallen uraufgeführt. Zieht man allein Schlüsse aus dem Premierenjubel, dann wird auch das ein Welterfolg. Aber auch die eigentlichen Faktoren sprechen dafür. Den Stoff, das heißt, die Lebensgeschichte von Waris Dirie (geb. 1965), unter der Berücksichtigung der Mechanismen eines Musicals aufzufächern, ist eine enorme Herausforderung, die Gil Mehmert als Autor und Regisseur bewältigt, indem er mit Frank Ramond, der für die eigentichen Liedtexte zuständig ist, dichte, qualitätsvolle Dialoge entwirft, Unterhaltendes nicht außer Acht lässt und für die unfassbaren Qualen und die Gewalt, die das Mädchen erleiden musste, behutsame Bilder entwickelt.

Eines der berührendsten Momente der Aufführung ist wohl, wenn Marylin, Waris Freundin, mit dem Lied „Kennst du’s wirklich nicht“ die Freuden der Liebe beschreibt und Waris zur gleichen Melodie vom nie endenden Schmerz erzählt. Ein hartes Thema und der Bombast, den eine Musicalkomposition nun einmal hat – geht das zusammen? Es geht. Uwe Fahrenkrog-Petersen wird dem Anspruch des Genres gerecht, schafft Melodien, die leicht ins Ohr gehen, vermeidet dabei Afrika-Klischees, setzt auf filigrane Naturstimmungen und die Ausgelassenheit in der Londoner Clubszene und lässt sogar die globale Modelszene witzig antönen, wenn die Agenturchefin zu südamerikanischen Rhythmen singt.

Eine starke Frau

Die Story wird in Rückblenden erzählt. Am Ende hält Waris Dirie die Rede als UN-Sonderbotschafterin, zu Beginn reist sie als bereits erfolgreiches Model in ihre somalische Heimat. Sie will der Mutter begegnen, die sie einst als Kind zur Beschneiderin brachte. Mit 13 sollte sie mit einem alten Mann verheiratet werden. Sie wehrt sich, flieht nach Mogadischu, arbeitet auf einer Baustelle, erhält beim Onkel eine Dienstmädchenstelle in London, lernt lesen, lebt auf der Straße, schlägt sich als Putzfrau durch, findet bei einer jungen Frau Unterschlupf und wird schließlich von einem Modefotografen entdeckt. Es ist der erste Mann, der ihr freundlich gesinnt ist. Der zweite ist jener Ire, den sie auf Anraten eines Anwalts heiratet, um in England legal leben zu können. Als O’Sullivan erhält Jogi Kaiser Sonderapplaus. Seine Stimme ist ebenso eine Wucht, wie die von Agenturchefin Susanne Panzner.

Waris Dirie in St. Gallen bei der Musicaluraufführung "Wüstenblume" mit dem Ensemble. <span class="copyright">Theater/Andoni Lopez</span>
Waris Dirie in St. Gallen bei der Musicaluraufführung "Wüstenblume" mit dem Ensemble. Theater/Andoni Lopez

Kerry Jean entwickelt in der Titelrolle eine starke Aura, hat Stimme, hat Figur, hat alles was es braucht. Die Choreografie ist mitreißend und ideenreich, die optischen Effekte sind gut und reduziert eingesetzt. Das ist treffend gewählt, anrührend, witzig und mitunter mit einfachen Mitteln gut auf den Punkt gebracht. Es geht um eine starke Frau, um eine immens wichtige Botschaft, ihr im Rahmen eines Musicals ein Forum zu bereiten, hat sich in diesem Fall bewährt.    

Nächste Aufführung des Musicals “Wüstenblume” am 29. Februar im Theater St. Gallen und zahlreiche weitere: www.theatersg.ch