Dieses Konzert konnte sich sehen und vor allem hören lassen

Kultur / 08.03.2020 • 17:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dieses Konzert konnte sich sehen und vor allem hören lassen
Die Chorakademie Vorarlberg wählte ein komplexes Werk. FRITZ JURMANN

Markus Landerer führte seine Chorakademie souverän durch Beethovens Missa solemnis.

Feldkirch Ausgerechnet das 13. Jahr ihres Bestehens bescherte der Chorakademie Vorarlberg die Krönung ihrer bisherigen jährlichen geistlichen Chorprojekte. Chorguru Markus Landerer ließ sich von der allgemeinen Beethoven-Schwemme im heurigen Jubiläumsjahr mitreißen und wählte mit der singulären Missa solemnis ein komplexes Werk, das auch für ihn Neuland bedeutete, bei der Chorgemeinschaft aber auch ein gehöriges Quantum an Mut und Einsatz für die Verwirklichung voraussetzte. Der Aufwand hat sich gelohnt, das Ergebnis halbjähriger intensiver Probenarbeit vor allem an Wochenenden wischte am Samstag mit einem Schlag alle Bedenken vom Tisch, konnte sich sehen und vor allem hören lassen als musikalisches Hochamt voller Glanz und Glorie. Ein hochkonzentriert mitfieberndes Auditorium war hin und weg und geriet am Schluss außer sich vor Begeisterung.

Akustik und Ambiente stimmen in der Kapelle des Konservatoriums erhebend auf den tieferen Kern dieser rund eineinhalbstündigen Aufführung ein, bei der Markus Landerer vom ersten Ton an den imponierenden Klangkörper für Beethovens Ansprüche fest im Griff hat. Allein 90 Chormitglieder, dazu Solisten und die Sinfonietta Vorarlberg führt er mit seinem klar zeichnenden Dirigat, einer nie ermattenden Energie und seinem Charisma bombensicher durch dieses in seiner Komplexität nur schwer durchschaubare Werk. Er gibt seine Einsätze oft nur durch das Heben einer Augenbraue, fürchtet sich dabei auch nicht vor leidenschaftlichen Ausbrüchen, Extremen in Dynamik und Tempowahl, ohne dabei jemals Beethovens tief gläubige Aussage opernhaft infrage zu stellen. Das Gloria etwa geht los wie ein Sturmwind, die finale Chorfuge kommt ausgezirkelt präzise wie vom Reißbrett, ebenso jene im Credo. Da hat der stimmstarke und aussagekräftige, professionell auf seine Aufgabe hin programmierte Chor seine großen Flächen zur Entfaltung eines mächtigen, beweglichen, dabei sehr einheitlich gefärbten Klanges aus speziell ausgewählten Stimmen, alles gut ausbalanciert, sicher in der Stimmführung, deutlich in der Aussprache. Sowohl Soprane wie Tenöre werden nicht müde, sich dank ihrer Ausdauer und Konzentration blitzsauber auch in jene fast übermenschlichen Höhen zu katapultieren, die ihnen der bereits taube Beethoven vorgegeben hat.  

Landerer kostet in oft geradezu romantischer Verzückung auch jene Ruheinseln aus, die der Komponist zur Kontemplation eingebaut hat: das milde Benedictus vor allem, getragen von den vier kultivierten, schlank geführten Solostimmen und wie im Barock glänzend solistisch umspielt von der obligaten Violine der Konzertmeisterin Sandra Marttunen gemeinsam mit ihren Kollegen vom Holz. Die aus dem Allgäu stammende Musikerin steht neuerdings der Sinfonietta Vorarlberg vor, die groß besetzt und klangprächtig zum Anlass über sich hinauswächst in einer Klangkultur, die keine Vergleiche zu scheuen braucht.   

Zum emotionalen und zugleich dramatischen Höhepunkt dieser Missa solemnis wird das breit angelegte abschließende Agnus Dei, bei dem sich nach ihrem ausgewogenen Quartettgesang die internationalen Solisten auch einzeln profilieren. Landerer hat dafür hier meist bekannte, erfahrene Stimmen ausgewählt, die Beethovens kräfteraubende Anforderungen auch mit dem notwendigen heiligmäßigen Ausdruck in zwei Konzerten durchzustehen vermögen. Die österreichische Sopranistin Monika Riedler begeistert durch unangestrengte Höhe und gestalterische Intensität, die aus Estland stammende Annely Peebo beeindruckt mit ihrem ausdrucksstarken Alt. Der elegant akzentuierte Tenor des Polen Alexander Pinderak und der flexible, klar geführte Bass des Leipzigers Daniel Ochoa bieten Klangerlebnisse von höchster Qualität. Was Beethoven sich vor knapp 200 Jahren für das „Dona nobis pacem“ ausgedacht hat, nämlich die in flehentliche Töne gekleidete Bitte an Gott „um innern und äußern Frieden“, untermalt von fernen Kriegstrompeten und Kanonendonner, ist von beklemmender Aktualität und kann gerade heute wohl niemanden mehr kalt lassen. Fritz Jurmann