Musiker, die nochmals von vorn anfangen

Kultur / 25.04.2020 • 19:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Musiker, die nochmals von vorn anfangen
Das Ensemble plus mit dem Komponisten Richard Dünser als Gastdirigenten und dem früheren Leiter Andreas Ticozzi an der Bratsche. JU

Aus dem geplanten Neustart des Ensemble plus wurde durch Corona die schlimmste Krise seiner Geschichte.

BREGENZ Es war alles so schön angerichtet für den geplanten Start in eine neue Ära des heimischen Ensemble plus, das unter der künstlerischen Leitung seines Gründers Andreas Ticozzi in mehr als 20 Jahren und über einhundert Konzerten in der Region zur respektierten und bis vor zwei Jahren einzigen Institution für neue Kammermusik im Land wurde. Doch dann kam Corona und machte mit einem Schlag vorläufig all das zunichte, was sich Ticozzis junger Bratschenkollege Guy Speyers als neuer Chef an innovativen Projekten, Uraufführungen und neuen Spielorten für sein Spezialensemble ausgedacht und bereits im Detail geplant hatte.

Der Bratschist Guy Speyers hat im Vorjahr die Leitung des Ensemble plus übernommen. <span class="copyright">JU</span>
Der Bratschist Guy Speyers hat im Vorjahr die Leitung des Ensemble plus übernommen. JU

Speyers kam 2009 durch Klaus Christa aus seiner Heimat Südafrika ans Landeskonservatorium und machte sich hier musikalisch und menschlich rasch als geschätzter Musiker im SOV und Pädagoge an der Musikschule Dornbirn unentbehrlich. Seine Qualitäten als „Macher“ stellte er bald in der neuen Kammermusikreihe „Solis Musica“ in seiner Heimatgemeinde Nüziders unter Beweis und trat als langjähriges Mitglied des Ensemble plus im Vorjahr auch die Nachfolge des bisherigen Leiters an. Ohne auf dessen Tradition als Basis zu verzichten, strebte Speyers von Anfang an ambitioniert nach einem eigenen Image, wollte damit neues Interesse entfachen für eine Musik, die naturgemäß eher abseits der großen Publikumsströme steht. Das nun als Verein geführte Ensemble tritt mit zwei inhaltlich klar getrennten Konzertreihen in Erscheinung, Besucher unter 18 zahlen keinen Eintritt. Bei „Sul palco“ („Auf der Bühne“) werden neue Werke aus Vorarlberg, bevorzugt Aufträge an junge Komponisten, internationalem Repertoire gegenübergestellt, bei „Klassik plus“ finden sich Raritäten ebenso wie Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Der Aktionsradius soll mit neuen Schauplätzen im und außerhalb des Landes erweitert werden wie dem Bregenzer „Magazin 4“, der Alten Kochschule in Dornbirn, der Fabrik Klarenbrunn in Bludenz sowie dem Kulturraum der Ruine Blumenegg.

Kreative Lösung in Sicht

Doch nun steht Guy Speyers vor den Scherben seiner Bemühungen, nachdem im März und April bereits die ersten vier und vorläufig alle weiteren Konzerte abgesagt wurden. Seine erste Reaktion im VN-Gespräch: „Für mich persönlich und für uns alle ist es natürlich eine große Enttäuschung. Wir haben sehr viel Energie und Herzblut investiert über das ganze letzte Jahr, um einen richtig großartigen Start hinzulegen. Nun versuchen wir flexibel und kreativ aus der Situation das Beste zu machen und peilen zunächst Ersatztermine für Oktober und Dezember an. Die Kompositionsaufträge bleiben jedenfalls im Programm.“ Im Moment gilt es für die Musiker auch, die spürbaren finanziellen Verluste zu verkraften: „Es entfallen für uns alle die Einnahmen durch den budgetierten Kartenverkauf für die Konzerte. Das ist besonders hart für jene, die keine Anstellung als Lehrer haben und auf diese Konzerteinnahmen angewiesen sind. Auch unser Werbebudget ist für unser Jahresprogramm verbraucht mit Konzerten, die jetzt nicht stattfinden. Wir sollten eigentlich nochmals von vorn anfangen, aber der rote Faden für 2020 wird jetzt schwer für uns neu zu finden sein.“

Das Ensemble plus ist 1997 aus dem SOV heraus entstanden, und noch heute spielen die meisten Mitglieder parallel auch in diesem Orchester, das ebenso von Absagen betroffen ist. Speyers: „Das ist für mich nicht nur etwas, wo ich Geld verdienen kann. Es fehlen mir im Moment auch die persönlichen Kontakte und das gemeinsame Musizieren mit meinen besten Freunden dort sehr. Wir gehen einander nie auf die Nerven, haben immer Spaß und sitzen auch nach den Proben und Konzerten noch gemütlich beisammen, ebenso natürlich im Ensemble plus. Es klingt vielleicht blöd, aber wir sind wirklich wie eine Familie, die gemeinsam auch diese Krise durchstehen wird.“ Fritz Jurmann

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