“Der Ausgleich findet auf dieser Welt statt”

Kultur / 26.06.2020 • 17:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Der Ausgleich findet auf dieser Welt statt"
Bruno Oberhammer ist Organist, Komponist und Musikpädagoge. JURMANN

Die Coronakrise konnte den eng mit der Natur verbundenen Musiker nicht überraschen.

HÖCHST Auch wenn ihm das Covid-19-Virus Sorge bereitet, lässt sich der Organist und Musikwissenschaftler Bruno Oberhammer die Freude über seine drei aktuellen Jubiläen nicht vergällen. Seit 40 Jahren betreut er die Orgelkonzertreihe in Hittisau, seit 50 Jahren jene in Bludesch, seit 60 Jahren spielt er Sonntag und Werktag die Orgel in Höchst – um Gotteslohn.   

Wie sind Sie mit der Coronakrise umgegangen?

Nachdenklich. Ich dachte öfters an die Bergpredigt und die Sieben Todsünden der modernen Gesellschaft von Mahatma Gandhi. Wenn man so will, sind das die „Betriebsanleitungen“ für die Menschheit. Wenn man sie beachten und umsetzen würde, dann hätten wir keine Coronakrise und wahrscheinlich auch keine anderen.    

Als naturwissenschaftlich interessierter und naturverbundener Mensch haben Sie also schon länger geahnt, dass die Natur einmal zurückschlagen würde?

Ja, ganz gewiss. Ich erinnere mich an den verstorbenen Fluher Pfarrer Meinrad Mittelberger, der mir als jungem Menschen einmal gesagt hat: „Das musst Du Dir gut merken: Der Ausgleich findet hier auf dieser Welt statt!“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Zu Ihren drei Jubiläen: 1970 stellten Sie die historische Bludescher Bergöntzle-Orgel ins Zentrum einer Konzertreihe, die sich über 50 Jahre erhalten hat.

Wir wollten die unglaubliche Vielfalt der Orgelmusik zeigen. Dazu gruppierten wir Sakralmusik ab der Gregorianik bis herauf zu neuesten Werken in spiritueller Ausrichtung und vergaben Aufträge an Komponisten unseres Landes. 

Sie haben jetzt auch nachgewiesen, dass die „Bergöntzle-Orgel“ einen anderen Erbauer hat?

Der Elsässer OrgelbauerJoseph Bergöntzle (1754 – 1819) war vermutlich nur der Transporteur, der das Instrument um 1800 auf dem Karrenweg in die kleine Walgaugemeinde gebracht und es dort installiert hat. Nach intensiven Forschungen glaube ich, dass diese Orgel, die heute zu den bedeutendsten historischen Instrumenten im Bodenseeraum gehört, in der berühmten Schule des Elsässischen Orgelbaumeisters Andreas Silbermann entstanden ist. Ergo wird man in Zukunft von einer Silbermann-Bergöntzle-Orgel sprechen müssen.

Vor 40 Jahren haben Sie an der romantischen Schönach-Orgel in Hittisau ein jährliches Sommerkonzert initiiert.

Der Tiroler Alois Schönach baute damals in der Region über 20 Orgeln, doch fast alle wurden im Laufe der Zeit im Zuge von Reparaturen umgestaltet oder entfernt. Nur die 1868 erbaute Orgel von Hittisau spiegelt heute mit ihrem weichen, romantisch dunklen Klang als einzige originalgetreu die Ideen und den Geist ihres Schöpfers. 

Johann Sebastian Bach ist quasi Ihr musikalischer Übervater, der Ihnen stets die Richtung vorgegeben hat. Wie ist diese Lebensliebe entstanden?

Ich war bestimmt nicht der fleißigste Klavierschüler, bis mir mein verehrter erster Klavierlehrer Aldo Kremmel die kleinen Bachschen Klavierpräludien zum Üben aufgab. Da hab‘ ich Feuer gefangen, mein Leben lang bis heute. 

Zwischen 2009 und 2013 haben Sie an der Rieger-Orgel Ihrer Heimatgemeinde Höchst in 19 Konzerten das komplette Orgelwerk Bachs von ca. 30 Stunden aufgeführt – ein von Umfang und Anspruch her unglaubliches Mammutunternehmen?

Es gibt wenige internationale Organisten, die dieses Wagnis unternommen haben, für das man in einem gewissen Alter die notwendige menschliche, geistige und musikalische Reife erlangt haben sollte. Dabei sind die geistigen Anforderungen am größten. Ohne Selbstorganisation geht da gar nichts, denn das bedeutet intensive Auseinandersetzung mit dieser komplexen Musik über all die Jahre. Ich habe dadurch auch einen anderen Zugang zu Bach erlangt, diesem „Mount Everest“ in der Musik, den keiner umgehen kann, und ein deutlich geschärftes Profil im Denken. 

In Höchst spielen Sie seit 60 Jahren ehrenamtlich die Orgel werktags wie sonntags im Gottesdienst. Kann man diesen Einsatz auch in Geld beziffern?

Schwerlich. Kann man Ethos in Moneten ummünzen?

Neben Günther Fetz sind Sie im Moment der zweitälteste aktive Konzertorganist im Land. Ist ein Ende Ihrer Tätigkeit absehbar?

Das weiß Gott allein!

Fritz Jurmann

5. Juli, 17 Uhr, Pfarrkirche Hittisau: Vokal- und Orgelmusik (Bruno Oberhammer)

12. Juli, 17 Uhr, St. Jakobskirche Bludesch: Eröffnungskonzert (Renate Bauer, Rezitation, Bianca Riesner, Violoncello)