Theater lässt sich nicht ins Museum stellen

Kultur / 27.06.2020 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Theater lässt sich nicht ins Museum stellen
“Schauspiel ohne Grund” feierte auf der Wiese vor dem Freudenhaus Premiere. VN/PAULITSCH

Gemeinschaftsprojekt hat ein starkes Zeichen für Theater gesetzt.

Lustenau Die Kultur und das Theater hatten es in den vergangenen Monaten und haben es noch immer mehr als schwer. Mit der theatralen Intervention „Schauspiel ohne Grund“ – ein Gemeinschaftsprojekt von Caravan – mobile Kulturprojekte, dem Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung und dem walktanztheater.com hat das Theater ein starkes Zeichen gesetzt: Egal was kommt, Theater wird bleiben, wird einen Weg finden und seine Bedeutung unterstreichen.

Fast unbemerkt treten die fünf Darsteller Maria Fliri, Anwar Kashlan, Nico Raschner, Maria Strauss und Brigitte Walk aus dem Freudenhaus hervor und suchen sich ihren Sockel in der Wiese, um Position einzunehmen. Das Spiel kann beginnen. Die fünf Schauspieler – alle in schwarze Anzüge gekleidet – beginnen mit ihren Monolog-Marathons, jeder trägt vier bedeutende Monologe aus der Weltliteratur in einer Mehrfachschleife vor. Von Aischylos’ „Die Perser“ bis zu Shakespeares „Wie es euch gefällt“. Das Publikum nähert sich anfangs zögerlich, ist noch unsicher, weiß nicht genau, welchem Sockel, welchem Schauspieler es sich zuerst zuwenden soll. Ähnlich einer Ausstellung, in der man nicht weiß, welches Kunstwerk zuerst betrachtet werden soll. Das anfängliche Zögern schwindet und es wird sich getraut, sich dem Theater (wieder) zu nähern.

Das Podest als Bühne

In den vergangenen Monaten stand das Theater auf keinem Podest. Im Gegenteil, fast begraben wurde die Kultur. Fast wurde das Theater zum Museumsstück. Etwas Wertvolles, das zur Betrachtung ausgestellt wird, aber nicht mehr Teil des tatsächlichen Lebens ist. Das „Schauspiel ohne Grund“ zeigt, dass sich Theater nicht ins Museum stellen lässt. Und auch wenn es dorthin getragen wird, wird es sich behaupten. So verwandeln die fünf Darsteller ihre kleinen Podeste – die mitten in der grünen Wiese zwischen Freudenhaus, McDonalds und stark befahrener Straße stehen – in große Bühnen. Sie tänzeln, posieren, kämpfen, leiden, zweifeln, hadern, wüten und trauern auf den weißen Podesten. Maria Fliri, Anwar Kashlan, Nico Raschner, Maria Strauss und Brigitte Walk schaffen auf beeindruckende Art für ihre Figuren Raum, wo eigentlich keiner ist.

Im Anzug Gehör verschaffen

Wer gehört werden will, stellt sich auf ein Podest, wie beim Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park. Wer gehört und wahrgenommen werden will, muss in unserer Welt aber nach wie vor auch Anzug tragen. So stehen die Darsteller in schwarzen Anzügen auf ihren Podesten und verschaffen ihren Figuren gehörig Gehör und buhlen gleichzeitig um die Aufmerksamkeit des Publikums. Eine Höchstleistung seitens der Darsteller. Ein neues, spannendes Erlebnis für das Publikum – während hier Hamlet zum Totenkopf spricht, hört das eine Ohr Richard III und das andere Johanna von Orleans. Die einzelnen Monologe, auch wenn die End- und Anfangspunkte durch kleine Gesten, Haltungsänderungen und Pausen markiert sind, verschmelzen miteinander. Das Publikum kann sich von Monolog zu Monolog treiben, beeindrucken und zum Nachdenken verführen lassen. Denn die Monologe tragen allesamt universale Wahrheiten in sich.

Theater trotz allem

Fast so unspektakulär wie die Intervention begonnen hat, hört sie auch auf. Die letzte Monologschleife ist gesprochen, die Darsteller steigen von den Podesten und ziehen sich zurück. Das Gefühl des Nicht-genug-Seins, des Mehr-davon-haben-Wollens bleibt. Das Ensemble hat es unter der Regie von Stephan Kasimir geschafft, zu zeigen, dass die Welt ohne Theater, Kultur und Literatur nicht funktionieren kann. Und auch wenn versucht wird, es in die Marginalität zu verdrängen, Theater wird trotz allem und kann überall sein. Ursula Fehle

Schauspiel ohne Grund

mit Texten von Aischylos, Georg Büchner, Euripides, Henrik Ibsen, Heinrich von Kleist, Johann Nepomuk Nestroy, Molière, Friedrich Schiller, William Shakespeare, Anton Tschechow, Sophokles u.a.

DarstellerInnen: Maria Fliri, Anwar Kashlan, Nico Raschner, Maria Strauss und Brigitte Walk

Künstlerische Einrichtung: Stephan Kasimir / Caro Stark

Dramaturgie: Max Lang

Produktion: Willi Pramstaller

weitere Termine: Sa, 27.6.2020, Dornbirn / Inatura / zwei Vorstellungen / 17 und 19 Uhr; So, 28. 6.2020 Bregenz / Symphonikerplatz / zwei Vorstellungen / 15 und 17 Uhr