Wie ein Mönch vom Bodensee Geschichte geschrieben hat

Kultur / 08.07.2020 • 09:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wie ein Mönch vom Bodensee Geschichte geschrieben hat
“Hermann der Krumme oder die Erde ist rund” von Christoph Nix am Münsterplatz in Konstanz. THEATER/ILJA MESS

Am westlichen Bodenseeufer wagt man Freiluftspiele, die in vielerlei Hinsicht glücken.

Konstanz Die Geschichte von Hermann von Reichenau (1013-1054) bekommen interessierte Besucher der Bodensee-Insel auch vor Ort erzählt. Der Benediktiner-Mönch beschäftigte sich mit Mathematik und Astronomie und betonte dabei, dass die Erde kein Kreis, sondern eine Kugel sei. Seine musikalische Begabung dokumentieren Werke, die Kirchenmusiker immer noch beschäftigen, und dem schriftstellerischen Können verdanken wir eine Chronik. Eine körperliche Beeinträchtigung bescherte ihm, nicht nur aus heutiger Sicht unkorrekt, den Namen Hermann der Krumme oder Lahme. Im Schwäbischen wurde er zuweilen als Wohltäter oder Fürsprecher verehrt. Wen Legendenbildungen weniger interessieren, für den erinnert der Name wieder einmal daran, dass die Gemüseinsel im Bodensee mit ihren romanischen Kirchen an sich zu den kulturgeschichtlichen Hotspots in Mitteleuropa zählt.

Kirche und Politik

Ohne Intrigen und Machtmissbrauch lief das Leben auch dort nicht ab, wo man die reine Kontemplation vermutet. Auch die geistlichen Herren waren vom Wohlwollen weltlicher Herrscher abhängig und überhaupt ähnelten sich die Karrierestrategien da wie dort. “Dass die Erde rund ist, spricht nicht gegen Gott, nur gegen die Herren dieser Welt”, heißt es einmal im Stück “Hermann der Krumme oder die Erde ist rund”. Das Spannungsfeld ist damit abgesteckt. Kirche und Politik sowie das Aufkeimen einer individuellen Gestaltungsfreiheit eröffnen nicht nur den Blick in die Vergangenheit, manches ist heute noch gültig. Dazu lässt man auch Stephen Hawking mit einem Appell an die Vernunft zu Wort kommen und verursacht damit keinerlei Bruch.

Demnächst in Österreich

Christoph Nix, der scheidende Intendant des Theaters Konstanz, ist Verfasser des Schauspiels, das für den Münsterplatz geschrieben wurde. Einen Abschied nach Monaten der generellen Schließung der Theater sollte es nicht geben. Schon vor Wochen wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt und neben der Regiearbeit Konzepte erarbeitet, damit die Behörden die Aufführungen genehmigen. Eigens in Gruppen sortiert, warten somit etwa 220 Besucher mit Schutzmasken auf den Einlass zur Tribüne. Wo an sich drei Mal so viele Besucher Platz haben, sind die Stühle mit viel Abstand gereiht. Wirtschaftlich rechnet sich das niemals, künstlerisch schon. Dass Nix im kommenden Jahr die Volksschauspiele in Telfs übernimmt, ist unübersehbar, neben den Plakaten diverser Sponsoren prangt ein Gruß aus Tirol auf dem Absperrzaun. Telfs hat seine Spiele heuer abgesagt, im nächsten Sommer ist das Coronavirus hoffentlich so weit gebannt, dass der Intendant dort wieder uneingeschränkt wirken kann.

In Telfs sind es die Berge, in Konstanz bietet ihm das Münster die geeignete Kulisse. Viel mehr als eine Art begehbares Sonnen- und Mondgerüst braucht Bühnenbildnerin Marie Labsch nicht. Für die Regie zeichnet ein Trio verantwortlich, dem neben Nix noch Zenta Haerter und Lorenz Leander Haas angehören. Wie man die Aufgaben verteilt hat, ist unerheblich, denn es tritt klar zu Tage, dass es funktionieren kann, ästhetisch unterschiedliche Ansätze zusammenzuführen. Lautes, vordergründiges Volksschauspiel, zurückgenommenes Abstrahieren und leises Überhöhen fügen sich bestens ineinander. Die Geschichte vom Menschen, der im Kindesalter ins Kloster abgeschoben wird, der sich in dieser Gemeinschaft zurechtfinden muss, nicht korrumpieren lässt und dazu noch seinem spirituellen Bedürfnis Raum schafft, ist an sich rasch erzählt. Es geht auch weniger um die Einordnung des Hermann von Reichenau in den wissenschaftlichen Kanon, es geht letztlich um die Reflexion und den dramaturgischen Zugriff. Der ist auch bei geforderter Statik mehr als spannend und mit dem Vokalensemble der Münstermusik Konstanz und dem dortigen Kinderchor hat man ohnehin noch einen Trumpf im Ärmel. Hinter Schutzvisieren muss gesungen werden. Die Stimmen klingen himmlisch und doch ist das Spektakel gut geerdet, dem Sarah Siri Lee König gerade als nicht greifbare Hauptfigur ein Zentrum bietet.

Weitere Aufführungen bis 2. August am Münsterplatz. Ausverkauft, Nachfragen: www.theaterkonstanz.de