Kontaminierung statt Dekontaminierung

Kultur / 13.07.2020 • 20:02 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Österreichs Regierung will Adolf Hitlers Geburtshaus zu einer Polizeiwache umbauen und durch einen Umbau „neutralisieren“: So soll jede Erinnerung in Braunau an den Diktator und Massenmörder ausgelöscht werden. Oder um es im Fachjargon zu sagen: Das Gebäude soll dekontaminiert werden. Gewonnen hat den Wettbewerb das renommierte Vorarlberger Architekturbüro Marte.Marte. Dass sie hervorragende Architekten sind, steht dabei außer Zweifel. Meine Kritik gilt den Intentionen der Republik Österreich. So hehr das politische Anliegen auch sein mag, nämlich das Haus als (Neo)Nazi-Wallfahrtsstätte (ob es dies jemals war, sei dahingestellt ) schlichtweg verschwinden zu lassen, so sehr ist dieses Bemühen zum Scheitern verurteilt. Radikaler und konsequenter wäre der Abriss des Hauses gewesen, aber auch er hätte die belastete und für Ewiggestrige mythische Zuordnung des Ortes nicht beseitigt. Aber es wäre weniger feig gewesen. Man beließ es dabei, das Haus in Braunau zu „dekonstruieren“, dass es nicht wiederzuerkennen ist. Und so sieht der Siegerentwurf die Rückführung des Gebäudes aus dem 17. Jahrhundert auf die historische Fassade vor.

Die Entscheidung von Staat und Jury mag auch in Zeiten stupider Denkmalstürmerei zeitgemäß, politisch korrekt und vordergründig vernünftig sein. Tatsächlich scheint auch in Deutschland das Verändern und „Verstecken“ von belasteten baulichen Zeugnissen verwerflicher Geschichtsepochen und Persönlichkeiten mit der Aufarbeitung von Geschichte oder, um es martialisch zu formulieren, mit ihrer Bewältigung verwechselt zu werden. Um aus dem „moralisch schlechten“ ein „gutes“ Bauwerk zu machen, sollte auch die seit 1989 vor dem Hitlerhaus installierte Gedenktafel mit der Inschrift „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus. Millionen Tote mahnen“ entsorgt werden, und ihre museale Ruhestätte im Wiener Haus der Geschichte finden. Dies scheint nun zumindest nach Protesten verhindert worden zu sein. An einer Konfrontation mit Geschichte, ihren Verbrechern und Verbrechen, ihren Wunden und Verwerfungen scheint kein Interesse mehr zu bestehen. Anstelle des „niemals vergessen“ ist offenbar ein „vergessen um jeden Preis“ getreten. Aber vielleicht kann man einer zart besaiteten und gleichzeitig moralisch dauerempörten Gesellschaft nicht mehr zumuten als die Annullierung unangenehmer Erinnerungen. Wer jedoch glaubt, Geschichte könne ausgelöscht werden, wenn man ihre Zeugnisse verschwinden lässt oder sie gar verschönt und retouschiert, täuscht sich. Gefragt ist nicht Dekontaminierung, sondern Kontaminierung. Orte wie das Hitlerhaus müssen Menetekel sein, Orte der Verstörung, des Lernens und Mahnens, die die Monstrositäten unserer Geschichte wachhalten und jede Form der Glorifizierung unmöglich machen.

„Orte wie das Hitlerhaus müssen Menetekel sein, Orte der Verstörung, des Lernens und Mahnens.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

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