Gerade im Witz liegt Schärfe

Kultur / 18.08.2020 • 22:36 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Karl Markovics rezitierte Karl Kraus bei den Festtagen.
Karl Markovics rezitierte Karl Kraus bei den Festtagen.

Karl Markovics und Karl Kraus ließen an der Ausbaufähigkeit unseres Denkapparats keinen Zweifel.

Bregenz Wenn hinter einem Begriff kein Punkt steht, suchen die Menschen nach der Fortsetzung und bringen sich eventuell – wenn es sich etwa um einen Hinweis im öffentlichen Raum handelt – in Gefahr. Den Punkt nach der Aufschrift Hofburgtheater an der Fassade des Hauses am Wiener Ring führt Karl Kraus darauf zurück und empfindet ihn als Ärgernis. Warum? Weil er damit nahezu täglich an die Denkunfähigkeit seiner Zeitgenossen erinnert wird. Karl Kraus (1874-1936) ist viel mehr sauer aufgestoßen als manchem seiner Schriftstellerkollegen. Die Dekaden, in denen sich die Menschen von obrigkeitshörigen Untertanen zu demokratiefähigen Selbstdenkern zu entwickeln begannen, gaben aber auch einiges her. „Die letzten Tage der Menschheit“ wurden gerade in jüngster Zeit (rund 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg) häufig aufgeführt und zitiert, „Der Widersprecher“, eine Kraus-Biografie von Jens Malte Fischer, zählt zu den erwähnenswerten Neuerscheinungen.

Lust, die sich überträgt

Karl Markovics, dem Schauspieler, Regisseur und Filmemacher, der bei den Bregenzer Festspielen die Uraufführung der Oper „Das Jagdgewehr“ von Thomas Larcher inszeniert hat, geht es nicht um Werkanalysen, sein vorwiegend zur anregenden Unterhaltung konzipierter Kraus-Abend besteht aus der Ansammlung von Alltagserzählungen, in denen die Spitzen mitunter im Verborgenen liegen. Darin zeigt sich aber gerade der Wert. Ob es sich um die Enttäuschung von Patrioten handelt, deren rühriges Engagement

bei der Vorbereitung einer Huldigungs-

feier ins Leere läuft, weil der Regent kein Fest wünscht, um einen abhandengekommenen Pelz, der dem Bestohlenen zu lästiger Berühmtheit verhilft, oder um die Wiener Mundart, in der die weiblichen Brüste zu „Gspaßlaberln“ verkommen, der Satiriker und Zyniker tritt immer mit besonderer Schärfe zum Vorschein. Ein Feminist war Kraus gewiss nicht, und seine Verachtung macht ihn angreifbar. Auch das lässt Markovics nicht aus, der an der exakten Wort- und Satzbetonung Lust verspürt, die sich auf die jubelnde Hörerschaft überträgt.

Dass die Veranstaltungsreihe, in die dieser Programmpunkt der Festtage der Bregenzer Festspiele eingebettet war, den Übertitel „Musik & Poesie“ trägt, brachten die Neuen Wiener Concert Schrammeln zum Ausdruck. Wer die grandiose Bearbeitung von Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre von Johannes Fleischmann, Nikolai Tunkowitsch, Helmut Stippich und Peter Havlicek hört, oder Schönbergs Klavierstücke, der denkt bei diesen Schrammeln nie mehr an Gasthausmusik. Nach Offenbachs koloraturseliger Olympia musste geradezu eine beschwingte Lehár-Weise erklingen, die böse Kraus’sche Darlegung davon, dass ein unwissender Schriftsetzer Shakespeares „König Lear“ in bester Absicht zum „König Lehár“ machte, bot es an. VN-cd

Die Neuen Wiener Concert Schrammeln begeisterten unter anderem mit Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre.  BF/Anja Köhler
Die Neuen Wiener Concert Schrammeln begeisterten unter anderem mit Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre.  BF/Anja Köhler

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