Silvia Thurner weiß, warum es heißt: Neue Musik? Ja, bitte!

Kultur / 30.08.2020 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Silvia Thurner weiß, warum es heißt: Neue Musik? Ja, bitte!
Die Musikwissenschaftlerin Silvia Thurner hat die Musikdokumentationsstelle in Vorarlberg initiiert und ist deren Leiterin. ALBRECHT

In ihrer Musikdokumentationsstelle kämpft Silvia Thurner für die Anliegen heimischer Komponisten.

ALBERSCHWENDE Fast niemand im Land kennt sich mit neuer Musik so gut aus wie sie. Silvia Thurner, promovierte Musikwissenschaftlerin, berät und fördert als Leiterin der Musikdokumentationsstelle des Landes mit viel Engagement die Musikschaffenden in Vorarlberg.

Der Großteil der Musikfreunde im Land würde wohl sagen „Neue Musik? Nein, danke!“ Worauf beruht diese Abneigung?
Auf einem großen Missverständnis. Die Musikindustrie verleiht der Musik der Vergangenheit einen zu großen Stellenwert. Viele übersehen dabei, dass Musik nicht allein zur seelischen Erbauung dienen möchte, sondern unsere Gegenwart und Lebenswelt abbildet und uns deshalb viel zu sagen hat.

Was sagen Sie Leuten, die verständnislos von „Katzenmusik“ sprechen?
Das muss man nicht von vornherein negativ verstehen. Das wichtigste Kriterium ist, ob eine Komposition authentisch wirkt und eine musikalische Aussagekraft hat, egal in welcher Stilrichtung sie geschrieben ist.

Aber ist es nicht so, dass manche Komponisten am Publikum vorbeikomponieren?
So urteilen meistens vorurteilsbehaftete Zuhörer mit eher wenig Hörerfahrung. Ernstzunehmende Künstler trachten nicht danach zu gefallen, sondern komponieren ihrem Naturell, ihrem Können und ihrem Empfinden nach.

Wie kam es zur Gründung der Musikdokumentationsstelle des Landes?
Ich habe meine Diplomarbeit und meine Dissertation über Gerold Amann geschrieben und durch ihn Einblick in die Musikszene in Vorarlberg erhalten. Dabei habe ich festgestellt, dass Musikschaffende ihre Werke in ihren „Komponierstuben“ horten, diese Kunstwerke aber nicht an einer repräsentativen Stelle gesammelt und wertgeschätzt werden. Das wollte ich ändern und habe bei der Kulturabteilung des Landes meine Ideen präsentiert. Diese wurden zwar positiv beurteilt, aber Geld wollte dafür vorerst niemand in die Hand nehmen. Ich habe nicht aufgegeben und bin immer wieder vorstellig geworden, bis es unter Landesrat Hans-Peter Bischof vor mehr als 20 Jahren zur Verwirklichung kam.

Welche Möglichkeiten bietet diese Stelle, was sind Ihre Aufgaben als Leiterin?
Im aktuellen musikalischen Kunstschaffen sehe ich einen großen Wert für die Gegenwart und die Zukunft. Möglichst viele Kompositionen zusammenzutragen und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist mir ein Anliegen. Dazu werden Partituren angekauft sowie das aufführungspraktische Schaffen im Land dokumentiert.

Wie funktioniert die Betreuung der Komponisten in der Praxis?
Ich führe Gespräche und Interviews mit Komponisten, Musikern und Veranstaltern, berate sie und versuche, Netzwerke zu schaffen. So oft wie möglich besuche ich öffentliche Aufführungen. So gesehen ist meine journalistische Tätigkeit ein ideales Vehikel, um über neue Musik zu berichten. Darin liegen viele Synergieeffekte, die in die Musikdokumentation hineinwirken. Als Fenster nach außen dient die Homepage.

Warum haben es die Komponisten des Landes bisher nie zu einer eigenen Interessensvertretung im Land geschafft wie die Autoren oder bildenden Künstler?
Ich glaube, kein Mensch wird Komponist, wenn er nicht gleichzeitig ein Individualist ist. Musik komponieren verlangt nach Ruhe, Inspiration, Raum und Zeit und schließt in gewissem Sinn die Gemeinschaftlichkeit aus. Darin liegt wohl einer der Gründe, warum sie nicht in einem Verein organisiert sind.

Wer von den aktiv tätigen Komponisten aus Vorarlberg hat es heute zu internationalem Ansehen geschafft?
Ist das wichtig? Für mich sind das keine wesentlichen Kriterien. Jeder Künstler wünscht sich möglichst gute und zahlreiche Aufführungen. Die Musikgeschichte berichtet von vielen Komponisten, deren Werke zu ihrer Zeit als wirr, viel zu kompliziert und nicht nachvollziehbar abgekanzelt wurden, man denke unter anderem an Beethoven.

Inwieweit hat die Coronakrise auch die Komponisten des Landes betroffen?
Sie hat alle im Bereich der Musik aktiven Menschen sehr getroffen, auch Musikausübende wie Chorsänger und Musikanten. Die massiven finanziellen Auswirkungen sind bekannt. Der viel zu geringe Stellenwert, der in diesen Zeiten der Musik und der Kunst im Allgemeinen beigemessen wird, regt mich auf, spornt mich aber auch an. Mich beschäftigt die ungewisse Zukunft, wenn mangelndes Geld zu noch weniger Bereitschaft führt, risikofreudige, innovative Projekte und Konzertprogramme zu realisieren. Da möchte ich gegensteuern. Fritz Jurmann

SILVIA THURNER

Geboren 1963 in Bregenz

Ausbildung Studium Musikwissenschaft und Erziehungswissenschaft in Salzburg

Tätigkeit Musikwissenschaftlerin, Musikjournalistin, seit 1998 Leiterin der Musikdokumentationsstelle des Landes

Familie lebt mit ihrem Mann, drei Kindern und Hund in Alberschwende

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