Ensemble plus: Neue Musik, die begeistert

Kultur / 31.08.2020 • 10:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ensemble plus: Neue Musik, die begeistert
Das Ensemble plus setzte seine „Sul palco“-Reihe mit drei Uraufführungen in der Fabrik Klarenbrunn in Bludenz fort. JU

Das Ensemble plus bietet mit Uraufführungen einen brillanten Neustart.

BLUDENZ Das war mehr nur als ein Lebenszeichen, das war schon ein Ausrufezeichen, wie sich das heimische Ensemble plus in neuer Besetzung unter Guy Speyers Leitung in der „Sul palco“-Reihe nach dem Lockdown mit einem Programm der Superlative zurückgemeldet hat. So spannend können zwei Konzertstunden sein, wenn jeder der sechs Musiker sich als hochkarätiger Solist und Spezialist für den besonderen Umgang mit dieser Musik und ihren besonderen Spieltechniken profiliert, auch Ensemblegeist zeigt und damit die zahlreiche Zuhörerschaft zu begeistern weiß.

Raphaela Fröwis

Die Halle in der Fabrik Klarenbrunn ist ein idealer Schauplatz. Stahlträger prägen das neutrale Ambiente, mit dem Motto „Unter die Haut“ ausgestattet durch textile Installationen der Schweizer Künstlerin Dorothea Rosenstock. Unter die Haut geht auch die enorme musikalische Potenz dieses Summary zweier Konzerte mit drei Uraufführungen. Es beginnt mit dem Klavierstück „pouriong“ der aus Mürzzuschlag stammenden Komponistin Maria Gstättner, die rituelle Urlaubserlebnisse jazzbetont und impressionistisch verarbeitet hat. Eine erste, spielend gemeisterte Anforderung an den hervorragenden Pianisten Martin Gallez, der den Großteil dieses Programms mitträgt. Als erste Vorarlbergerin sorgt die aus Alberschwende stammende, bei Guntram Simma und Francisco Obieta ausgebildete Raphaela Fröwis (27) mit ihrem neuen Klavierquartett „Staunenswelt“ wirklich für Staunen. Sie greift bei dem, was sie als „Neue Musik“ versteht, gegen den Trend auf eine wohlig spätromantische Tradition zurück als Ausdruck einer Welt, „die viel mehr wert ist als man glaubt“, wie sie einleitend sagt. Sie lässt dabei in Sätzen wie „Zauberduftend“, „Lichtgewoben“ oder „Zeitvergessen“ aktuelle Sorgen vergessen, macht kaum Konflikte spürbar und zeichnet voll Optimismus jene tonale, heile Welt, wie sie nach Corona vielleicht wieder einmal sein wird.

Wolfgang W. Lindner

Von ganz anderem, griffigen Zuschnitt ist die dritte Uraufführung des Abends. Der Feldkircher Wolfgang W. Lindner (68), ehemals Schlagzeug-Dozent am Konservatorium, bringt als Routinier auch sehr viel handwerkliches Geschick in sein erstes Streichquartett ein. Der Dialog unter den vier Instrumenten bleibt lange offen, wird öfters mit spieltechnischen Finessen wie Spiccati und Flageoletts am Köcheln gehalten, bis alles in der von den Musikern geflüsterten Conclusio „Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger“ kulminiert. Eine tolle Ensembleleistung von Sofia Roldán-Cativa und Anita Martinek, Violine, Guy Speyers, Viola, und Detlef Mielke, Violoncello, und ein starkes und bewegendes Stück Neuer Musik, das man gerne bald wieder hören möchte. Auch die übrigen drei Werke sind mehr als ein Rahmenprogramm. Chef Speyers eröffnet persönlich auf seiner Bratsche mit „Drones and Viola“, einem Werk des US-Amerikaners Nico Muhly, das seine Spannung aus „Material“ bezieht, das sich aus endlos langen Tönen über leicht variierten Klavierakkorden entwickelt. Beim zweiten Viola-Duo „Morgengesänge“ des anwesenden Franzosen Christophe Looten übernimmt Andreas Ticozzi den Bratschenpart und führt das in klassischer Dreisätzigkeit angelegte Werk in Klangfelder von intensiver Farbpracht.

Den Schlusspunkt setzt das mikrotonale „Skrik Trio“, vom US-Amerikaner Bryce Dessner als Hommage an den Pionier Steve Reich mit Elementen seiner Minimal Music angereichert. Fritz Jurmann

Nächste „Sul palco“-Konzerte des Ensemble plus: 23. Oktober, 19.30 Uhr, Bregenz, Magazin 4; 24. Oktober, 19.30 Uhr, Bludenz Remise.

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