Wichtiger Akt des Gedenkens

Kultur / 21.09.2020 • 20:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wichtiger Akt des Gedenkens
Dshamilja Kaiser als “Lisa” in “Die Passagierin” von Mieczyslaw Weinberg in Graz. OPER/KMETITSCH

“Die Passagierin”, Opernentdeckung der Bregenzer Festspiele, bewegend neu inszeniert.

Graz, Bregenz Auch wenn eine Oper, wie auch Zofia Posmysz in einem Interview mit den Vorarlberger Nachrichten sagte, der Schwere des Themas nicht angemessen ist, „auch wenn es keine Sprache dafür gibt, was in den Konzentrationslagern vorgegangen ist, ist es wichtig, darüber zu sprechen.“ Die Journalistin und Autorin, geb. 1923, hat selbst lange nicht darüber schreiben können. Nach der Begegnung mit einer deutschen Frauenstimme im Jahr 1959, die sie an ihre ehemalige Aufseherin in Auschwitz erinnerte, hat sie, bewegt von der Frage, was in der Person vorgegangen ist, ein Hörspiel verfasst, dann eine Novelle, die Andrzej Munk als Vorlage für seinen Film  “Pasażerka” nahm. Über Schostakowitsch kam das Buch in die Hände des Komponisten Mieczyslaw Weinberg, Alexander Medwedew verfasste das Libretto. Im Jahr 1968 war die Oper „Die Passagierin“ geschaffen, die sowjetische Führung hatte allerdings die Aufführung untersagt.

Die Grazer Inszenierung fokussiert die Verdrängung.
Die Grazer Inszenierung fokussiert die Verdrängung.

Erstaufführung in Bregenz

Eine konzertante Realisierung fand 2006 in Moskau statt, die szenische Erstaufführung erfolgte im Sommer 2010 in Bregenz durch das Engagement von David Pountney. Der damalige Festspiel-Intendant, der selbst Regie führte, hat damit ein wichtiges Thema vermittelt, die internationale Beschäftigung mit dem unter den Nazis wie unter Stalin verfolgten Weinberg (1919-1996) forciert und ein Werk bekannt gemacht, das seither in seiner eigenen, aufrüttelnd starken Inszenierung in vielen Städten, darunter in New York, Tel Aviv, London und Warschau gezeigt und ausgezeichnet wurde. Es kam auch in einigen Opernhäusern im deutschsprachigen Raum auf den Spielplan. Anselm Weber gelang vor fünf Jahren in Frankfurt eine berührend aussagekräftige Umsetzung. Die Neuinszenierung der Oper Graz ist die zweite Produktion in Österreich. Dass sich Wien, aber vor allem Berlin dieser Art der Auseinandersetzung mit dem Thema nie stellten, ist hinsichtlich der Mechanismen des Theaterbetriebs zu hinterfragen.

Gegen die Verdrängung

Über zwei Jahre lang durchlitt Zofia Posmysz das Grauen von Auschwitz, nachdem sie als 18-Jährige in Krakau mit Flugblättern gesehen und von der Gestapo verhört wurde. Was gewesen wäre, wenn sie der Aufseherin begegnet wäre, diese Frage hatte Posmysz beschäftigt, als sie die fiktive Begegnung der Polin Marta mit der ehemaligen Aufseherin bei einer Schiffsreise ersann. Anna Lisa Franz wurde nie der Prozess gemacht. Nadja Loschky, die „Die Passagierin“ nun in der Oper Graz inszenierte, rückt die Auseinandersetzung der Aufseherin mit ihrer Vergangenheit stark in den Fokus. Ein besonders berührender Moment gegen die Verdrängung ist es, wenn am Ende ein Bild von der mittlerweile 97-jährigen Zofia Posmysz eingeblendet wird, die damals in Bregenz noch persönlich anwesend sein konnte und sich viele Jahre, unter anderem in der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz, als Zeitzeugin engagierte. Die Premiere der Grazer Produktion war bereits für März dieses Jahres vorgesehen, wurde durch die Coronaepidemie behindert und erfolgte nun, eingebettet in ein umfangreiches Gedenkprogramm, zu dem auch die Anbringung der Namen der von den Nazis zur Flucht getriebenen Grazer Künstler vor der Oper zählt. Es sind das die Sopranistin Ella Flesch, der Dirigent Fritz Jahoda und die Schauspielerin Hertha Heger.

Differenziert psychologisch

Loschky und ihre Ausstatterin Etienne Pluss wählten weder KZ-Baracken noch ein Schiff, auf dem die Geschichte mit Rückblenden spielt und die Johan Engels einst in Bregenz bestens ineinander verzahnte, sie erzeugen in einem abstrahierten Raum das Ambiente von Schwarzweiß-Fotografien, in dem einzelne Geschehnisse dann hervortreten. Das funktioniert auch im Hinblick auf die Verdreifachung der Figur der Aufseherin, die wir als Frau eines Diplomaten auf dem Schiff sehen und die sich gealtert mit ihren Taten im KZ konfrontiert sieht, die sie zynisch verdrängt, denen sie hier aber nicht entkommt. Die Inszenierung widmet sich den Fragen und lässt Antworten auf eine Weise offen, die viel vom psychologischen und historischen Gehalt verdeutlichen. Die Darstellung der Nazis mag verzerrt wirken, andererseits bringt sie aber den Sadismus zum Ausdruck, der manche der Peiniger geleitet hat. Demgegenüber berücksichtigt Loschky – wie auch schon Pountney – dass Posmysz ein sehr differenziertes Bild von Lisa zeichnet. Die Partitur steckt voller Ideen bis hin zum Swing und der Chaconne von Bach, die dem Stück enorme Tiefe verleihen und die Dirigent Roland Kluttig bestens vermittelt. Die Besetzung überzeugt. Mit Dshamilja Kaiser und Nadja Stefanoff wurden exzellente Darstellerinnen für die Partien von Lisa und Marta gefunden, die Auftritte einzelner KZ-Insassinnen wirken in ihrer Stärke nach wie überaupt diese gesamthaft gelungene Aufforderung zur Menschlichkeit.

Nächste Aufführungen der Oper “Die Passagierin” am 23. September, 1., 4., 16., 28. Oktober, 1. November, 5. und 11. Dezember in der Oper Graz:oper-graz.com

David Pountney leitete in Bregenz die Wiederentdeckung des Werks "Die Passagierin" von Weinberg ein.<span class="copyright"> VN/KH</span>
David Pountney leitete in Bregenz die Wiederentdeckung des Werks "Die Passagierin" von Weinberg ein. VN/KH

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