Humorvolle Gratwanderung im Theater

Kultur / 20.10.2020 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ninja Reichert und Bernd Sracnik in "Die Vertriebenen" von Martin G. Wanko im Theater im Keller in Graz. <span class="copyright">tik</span>
Ninja Reichert und Bernd Sracnik in "Die Vertriebenen" von Martin G. Wanko im Theater im Keller in Graz. tik

„Die Vertriebenen“ des aus Vorarlberg stammenden Autors Martin G. Wanko erhielten für die Uraufführung einen besonderen Rahmen.

Graz, Bregenz Gratwanderungen scheuen der aus Vorarlberg stammende und in Graz lebende Autor Martin G. Wanko und Regisseur Alfred Haidacher nicht. Das Stück, das am Sonntagabend vom Theater im Keller (TiK) unter dem Titel „Die Vertriebenen“ uraufgeführt wurde, schrammt an einer Grenzlinie entlang. Populisten hören gerne, dass Flüchtlingsfamilien die weiteren Bewohner eines Mehrparteienhauses fast zur Verzweiflung treiben, dass sie nach Monaten noch kein Wort deutsch sprechen, die Kinder lärmen lassen, die Nacht gelegentlich zum Tag machen und immer wieder Grund zur Annahme geben, dass die Zahl der Personen, die den Parkettboden traktieren, viel höher ist als jene, die eine Hilfsorganisation bei der Hausgemeinschaft angemeldet hat. Damit die Integration gut funktioniert, wurden von dieser Organisation Unterkünfte in Stadtvierteln gewählt, in denen die bildungsnahe Bevölkerung wohnt.

Ironie und Reflexion

Zu dieser zählen auch Herbert und Agnes, die vom plötzlichen Empathieschub des Hausbesitzers nicht begeistert sind. Der gehört zur Toskana-Fraktion, liebt immer noch edle Weine, sucht nach dem Tod der Ehefrau aber nach einer sinnstiftenden Betätigung. Vielleicht auch zur Gewissensberuhigung. Viele Klischees möchte man meinen, und reichlich Möglichkeiten, um Vorurteile noch weiter festzutreten. Aber so einfach ist die Sache nicht, wie der Titel „Die Vertriebenen“ (womit die Österreicher gemeint sind) vorgibt, Wanko beschäftigt sich weitgehend mit Reflexionsfähigkeit, die Herbert noch etwas mehr eigen ist als Agnes. Selbst die üblichen Sprüche, dass man bloß nicht als Rechte oder konservative Kleinbürger gelten will, werden ausgiebig hinterfragt. Selbstironie ist dem Autor eigen, und er weiß genau, wo ein Text ins Kabaretthafte zu kippen droht und verhindert es in letzter Sekunde.

Szene aus  dem Stück "Die Vertriebenen". <span class="copyright">Tik</span>
Szene aus dem Stück "Die Vertriebenen". Tik

Das Setting ist bestens gewählt. Gespielt wird nicht im TiK in der Münzgrabenstraße, schon die Uraufführung fand in einer Wohnung bzw. in einem Wohnzimmer statt, das die Schauspieler Bernd Sracnik und Ninja Reichert während ihrer mit leichtem Witz wunderbar eingefärbten Erzählung von dem, was ihnen widerfahren ist, nach und nach leerräumen. Nach Wochen des Schlafentzugs ziehen sie aus, bezahlen die Miete einer anderen Wohnung mit jenem Geld, das ihnen die Hilfsorganisation für die Überlassung der eigenen vier Wände zugesichert hat. Dass dies keine Lösung ist, braucht am Ende nicht ausgesprochen zu werden, mit dem Stück wird nicht nach Antworten gesucht, es werden Fragen gestellt – zum Miteinander, zur Empathiefähigkeit, zur Kompromissbereitschaft und nicht zuletzt auch zu Respekt und humanem Handeln.

Der feine Humor ist ein zusätzliches Plus. Achtsamkeit wird mitgedacht und ist bei den Vorstellungen Voraussetzung. Nach einer Aufführungsserie in der Grazer Naglergasse kann das Ensemble für eigene Räume gebucht werden. Mit zugeordneten Sitzplätzen, personalisierten Tickets, striktem Abstandhalten und Maskenpflicht geht das. Rücksichtnahme ist das große Schlagwort für den Rahmen der Produktion und im Stück selbst.

Weitere Aufführungen sind vorerst bis Mitte November geplant: www.tik-graz.at

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