Lockdown: Kultureinrichtungen sind keine Bordelle

Kultur / 01.11.2020 • 21:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Nun wieder im Lockdown und geschlossen: Corona-Ausstellung im Vorarlberg Museum in Bregenz mit der Abstandtröte.  <span class="copyright">VN/PS</span>
Nun wieder im Lockdown und geschlossen: Corona-Ausstellung im Vorarlberg Museum in Bregenz mit der Abstandtröte.  VN/PS

Kulturschaffende erachten Corona-Maßnahmen grundsätzlich für notwendig, sind aber wegen der Kulturfeindlichkeit in Sorge.

Bregenz, Feldkirch, Wien “Ich habe Mühe, meinen Unmut darüber zu unterdrücken, in welche Kategorien die Arbeit aller Kulturschaffenden dieses Landes eingeordnet wird. Theater, Opern, Museen und Konzerthäuser werden quasi als Freizeitgestaltung definiert und werden mit Spielhallen, Wettbüros, Bordellen und Paintballanlagen in einen Topf geworfen”, erklärt Martin Kusej, Direktor des Wiener Burgtheaters, in einer Aussendung, aus der hervorgeht, dass es grundsätzlich nachvollziehbar sei, Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu treffen. Diese sehen vor, dass Theater, Konzertsäle, Kinos, Kabaretts etc. geschlossen sind. Entgegen dem Vorentwurf zur neuen Verordnung müssen auch Museen ab 3. November zu bleiben. Kultur sei, so Kusej weiter, “das notwendige Korrektiv in einer lebendigen Demokratie”, dies spiegle sich im aktuellen Umgang nicht wider.

„Ein Klima der Gereiztheit, das aus Unsicherheit und Angst erwächst, wird spürbar.“

Stephanie Gräve, Intendantin Vorarlberger Landestheater

Augustin Jagg, Leiter des Bregenzer Theaters Kosmos, das am 5. November die Premiere des Handke-Stückes “Wunschloses Unglück” angeboten hätte, kommentiert die Maßnahmen ähnlich. Sie seien wahrscheinlich richtig. Dass die Funktion von Kunst und Kultur in der Verordnung keinerlei Berücksichtigung findet, lasse Wertschätzung und Respekt hinsichtlich dessen vermissen, was Künstler und Kulturschaffende auch im Bereich der Bildung und des gesellschaftlichen Diskurses leisten. Man habe Präventionskonzepte entwickelt, das Publikum habe sich achtsam und extrem diszipliniert verhalten. Zu Ansteckungen sei es nicht gekommen. Finanziell sei die Situation angespannt, aber man werde die Einnahmenausfälle verkraften, meint Jagg, der in großer Sorge um die freischaffenden Künstler ist, deren prekäre Situation sich nun weiter verschärft.

Sozialer Abstieg

Dies sagt auch Stephanie Gräve, Intendantin des Vorarlberger Landestheaters, das – bei allen finanziellen Problemen und akutem Sanierungsbedarf – eine öffentlich finanzierte Institution sei, die so eine Krise überstehen kann. Viel schwieriger sei die Situation für die freien Künstler und für viele andere Branchen, die in ihrer Existenz gefährdet sind. “Meine Sorge gilt den Menschen im Land, die vom sozialen Abstieg bedroht sind, sie gilt den verzweifelten Geflüchteten von Moria und anderswo, die wir nicht vergessen dürfen. Und sie gilt dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.” Ein Klima der Gereiztheit, das aus Unsicherheit und Angst erwächst, werde zunehmend spürbar. “Darum ist es umso bedauerlicher, dass die Theater in den nächsten Wochen nicht Ort der Begegnung und Auseinandersetzung sein können.”

„Die Maßnahmen sind nachvollziehbar, es fehlt aber die Differenzierung und Wertschätzung.“

Augustin Jagg, Leiter Theater Kosmos

Besucher und Künstler hätten sich in den letzten Wochen oft bedankt, dass das Feldkircher Theater am Saumarkt “kulturelle Öffentlichkeit schafft, an der die Leute teilnehmen können”, erzählt TaS-Leiterin Sabine Benzer. “Wir hätten uns einen differenzierteren und weniger kulturfeindlichen Lockdown erwartet und hoffen nun sehr auf differenzierte Hilfe und eine Perspektive für die Zeit danach.”

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