Sterne sind vielleicht gar keine Sterne

Kultur / 07.11.2020 • 13:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sterne sind vielleicht gar keine Sterne
Ambivalente Erscheinungen in der Landschaft: Mobilfunkmasten sorgen für Empfang auch in den entlegensten Winkeln, sind aber auch Kontrollinstrumente. AUBRECHT

Neue Arbeiten von Ruben Aubrecht legen in der Galerie Lisi Hämmerle aufschlussreiche Zahlen auf den Tisch.

Bregenz Man will es eigentlich gar nicht wissen, auch wenn man sich die Frage wohl schon öfters gestellt hat, aber einmal ehrlich: Wie viel Zeit vergeudet man sinnlos im Internet? Einer, der sich nicht scheut, die nackten Zahlen und Fakten auf den Tisch zu legen, ist der Vorarlberger Konzeptkünstler Ruben Aubrecht. Auch sonst hinterfragt er in seiner Ausstellung in der Galerie Lisi Hämmerle so einiges rund um gerade auch in diesen Tagen hochaktuelle Themen wie Datenübertragung und Überwachung.

Smart Mirror

Am Anfang der Schau steht ein sperriger Titel und eine Arbeit, die ein Remake eines früheren Werks des Künstlers ist: „If I subtract all the time I have spent uselessly surfing the internet, it could still be 2016.” 2015 noch analog ausgeführt, als Schriftzug auf Leinwand, trackt in der jüngsten Variante ein so genannter Smart Mirror, ein Spiegel der zugleich Display ist, Ruben Aubrechts im World Wide Web zugebrachte Verweildauer in Echtzeit. Damit macht er transparent, was eigentlich keiner von sich preisgeben will, verweist aber auch auf das, was man als munterer Nutzer der schönen neuen digitalen Welt gerne vergisst, weil man sonst paranoid werden möchte: Jeder Schritt und jeder Klick, jedes Wischen über das Smartphone oder Tablet, wird irgendwo registriert, hinterlässt irgendwo Spuren und Abdrücke. Dafür sorgen nicht zuletzt die Mobilfunkmasten, die besonders in und um dicht besiedelte Gegenden herum aus der Landschaft schießen wie Pilze, weithin sichtbare Fremdkörper in der Idylle, während sie in den Städten, aus dem öffentlichen Bewusstsein verbannt, gut getarnt hinter Kamin-Attrappen u.ä. verschwinden.

Im Planquadrat

25 solcher Sendemasten, Sinnbild und Grundpfeiler unserer selbst an den entlegensten Orten noch extrem informierten Gesellschaft, „Janusköpfige Gebilde, die unbegrenzten Zugang zu Wissen und Information versprechen und gleichzeitig Instrumente der totalen Kontrolle sind“ (Aubrecht), hat der Künstler vor den Toren Berlins in einem Planquadrat von „15 x 15 km“ fotografiert. Standardisiert frontal aufgenommen, erinnern die Fotos in ihrer dokumentarischen Nüchternheit an die Becher-Schule. Diese „dystopischen Vorboten zukünftiger Endzeitfilme“ navigieren uns, versorgen uns mit Daten, sind dabei aber auch Instrumente der totalen Kontrolle. „Wer, was, wo, wann, in welcher Funkzelle abgerufen hat und wer sich sonst noch dort aufhielt, wird schon längst automatisiert verarbeitet, nicht nur bei politischen Demonstrationen“, so der Künstler, der sich in „Walking a Straight Line“, einer Art Hommage an den britischen Land-Art-Künstler Richard Long, gleich einem Selbstversuch unterzogen hat: seine mittels einer App aufgezeichneten flüchtigen GPS-Tracking-Daten ließ Ruben Aubrecht in ewigen Stein, schwarzen Granit, lasern.

Technologische Fixsterne

Noch im Entstehen begriffen ist das Werk „Cookies“, eine Art Buchexemplar, an die 2000 Seiten und 15 Zentimeter stark, das Datenschutzvereinbarungen, denen wir tagtäglich mehrmals und meist ungesehen beim Besuch verschiedener Websites zustimmen, beinhaltet. Doch damit nicht genug der nachdenklich stimmenden Denkanstöße, die Ruben Aubrecht aus der Position des klug analysierenden, aber auch im Geschehen beteiligten und nicht auskommenden Beobachters liefert. Denn sogar der Blick in den nächtlichen Sternenhimmel könnte nach dieser Ausstellung nicht mehr das sein, was er einmal war. Optisch kaum von echten Sternen zu unterscheiden, sind geostationäre Satelliten, die die Erde angepasst an deren Rotationsgeschwindigkeit wie Fixsterne begleiten, die Newcomer am Himmel. Für die Reihe „New Constellations“ hat Aubrecht die für Kommunikation, Fernsehen und Wetter, aber auch Überwachung, zuständigen technologischen „Sterne“ mit Langzeitbelichtung aufgenommen und neue Sternenbilder daraus kreiert. Ariane Grabher

Die Ausstellung ist in der Galerie Lisi Hämmerle, Anton-Schneider-Straße 4a, Bregenz, bis 5. Dezember geöffnet, Mi bis Fr von 15 bis 19 Uhr, Sa von 13 bis 16 Uhr.

Ruben Aubrecht

Geboren 1980
in Bregenz

Ausbildung Akademie der bildenden Künste in Wien

Laufbahn internationale Ausstellungstätigkeit, Projekte im öffentlichen Raum, Kooperationen mit Maria Anwander, zahlreiche Auslandsaufenthalte und Stipendien
Wohnort Berlin

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