Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Politiker? Nein, danke!

Kultur / 13.11.2020 • 18:33 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Johann Martin, besser bekannt als Laurentius von Schnifis, war Mitte des 18. Jahrhunderts Schauspieler und Sänger in Innsbruck. Dann trat er in den Bettelorden der Kapuziner ein, wurde ein bedeutender Prediger und ein vielleicht noch bedeutenderer Dichter, Lyriker vor allem. In einem seiner bekanntesten Gedichte nahm er schon damals die Politiker aufs Korn: „Fragst du, was für ein Wundertier Politicus doch sei, so will ich es andeuten hier ohn alle Schmeichlerei: Politicus nichts anders ist, als einer, der voll Trug und List die Menschen hintergeht, auf keiner Red besteht.“ Das war vor zweieinhalb Jahrhunderten – und auch damals schon nicht ganz freundlich. Viel hat sich in der Einschätzung der Politiker durch die Bevölkerung bis heute nicht geändert. Noch immer rangiert der Politiker in der Vertrauensskala – übrigens ganz ähnlich jenem des Journalisten – am unteren Ende, noch hinter Autoverkäufern oder Fußballern. Gerade einmal zehn Prozent setzen nach einer Umfrage von Readers Digest Vertrauen in ihre Politiker.

Das aber war nicht der Grund, warum mich dieser Weg nie gereizt hat. Dabei hatte ich vor Jahrzehnten ein Angebot, in die Kulturpolitik einzusteigen. Meine Antwort war ziemlich einfach: „Den Politikern geht’s wie den Trainern im Fußball: Da wissen auch alle im Stadion alles besser als der Fachmann. Und der Politiker muss sich auch von jedem, der keine Ahnung hat, ans Bein pinkeln lassen.“ Nicht zuletzt von den Journalisten, habe ich mir dazu gedacht – und bin lieber auf Seite des Journalismus geblieben.

Somit ist nachvollziehbar, warum ich Politiker nie um ihre Jobs beneidet habe, auch wenn sie – zumindest in den oberen Kategorien – ein ordentliches Salär für ihre Arbeit erzielen können. Ich sehe das nicht zuletzt als Schmerzensgeld für all das, was sie sich dafür gefallen lassen müssen. An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert, schon gar nicht in Corona-Zeiten. Da kann die Politik fast gar nichts richtig machen. Sie ist angewiesen auf die Wissenschaft, die wieder in sich unterschiedliche Meinungen vertritt. Und die Menschen auf der Straße wissen ohnehin alles besser, da, so hat man den Eindruck, laufen nur Fachleute in virologischen Fragen herum. Und alle kritisieren die Politiker, die mit ihren Entscheidungen entweder zu spät oder zu früh dran sind, in jedem Fall aber daneben liegen. Und zwar ganz egal, was sie tun. Nein, heute Politiker sein ist höchst unlustig. Ich beneide keine und keinen um ihre Aufgaben – nicht einmal um ihr Schmerzensgeld.

„Sie ist angewiesen auf die Wissenschaft, die wieder in sich unterschiedliche Meinungen vertritt.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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