Weihnachtsoratorium in kleinster Besetzung

Kultur / 13.11.2020 • 18:33 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Isabel Pfefferkorn besticht durch die Vielfalt ihres Könnens.

FELDKIRCH Eine aparte Erscheinung, zwingend in ihrer Bühnenpräsenz, unendlich in der Weite ihres kultivierten Mezzo, für den es keine Grenzen zu geben scheint, von Barock bis Adele. Nicht zu vergessen Franz Schubert, dessen Zyklus „Winterreise“ sie unter dem Beifall von Kollegin Angelika Kirchschlager wagte und der sich auch in ihrer jüngsten Produktion wiederfindet.

 

Das in Triesen geplante Stück „Suchtmensch“ von Andreas Jähnert und Ula Lazauskaite wurde aufgrund der Coronalage kurzerhand in einen Filmdreh verwandelt. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

PFEFFERKORN Das Stück zeigt einen vereinsamten Menschen, gespielt von Sascha Jähnert, der täglich eine Maschine wartet, die ohne ihn nicht läuft, in immerwährenden Monologen Halt sucht und plötzlich seine Sehnsüchte aufblitzen sieht. Ich verkörpere als menschgewordene Maschine diese personifizierte Sehnsucht, singe Lieder aus Schuberts „Winterreise“ sowie Musik aus der Popularmusik mit Yunus Kaya am Klavier, während Verena Wohlrab als tanzendes und sich abseilendes Element die Bühne belebt.

 

Wie sehr bestimmt der Gasometer in Triesen das Ambiente?

PFEFFERKORN Das Industriedenkmal Gasometer zeigt sich als starker Aufführungsort für ein Stück Maschinelles, Automatisches, vielleicht der Leier, die nur läuft, wenn sie jemand antreibt. Mit ihrer sehnsuchtsvollen Einsamkeit als tragendes Motiv erscheint die „Winterreise“ in diesem Stück in noch aktuellerem Licht und bekommt Ebenen, die davor nur zu erahnen waren.

 

Andreas Jähnert ist nicht nur Autor, er führt auch Regie. Wie war die Zusammenarbeit?

PFEFFERKORN Die Arbeit mit ihm geht besondere Wege, ist fantasiereich, erfordert Mut und das Loslassen von Eitelkeit und Klischees. Diese Art, stets nah am Leben und ohne Schranken in Kopf und Herz, inspiriert mich sehr und beantwortet meine ständige Frage nach Grenzöffnung in Kunst und Leben.

 

Wann wurde klar, dass die Musik einmal Ihr Leben dominieren wird?

PFEFFERKORN Seit ich ein Baby war, stand ich immer mit Musik in Berührung. Ich glaube, ich habe schon gesungen, bevor ich noch gesprochen habe. Im Kindergarten wollte ich dann Opernsängerin werden.

 

Was bedeutet Gesang für Sie heute?

PFEFFERKORN Gesang ist für mich die einfachste Art der Kommunikation. Andererseits ist es mir ein Anliegen, auf ehrlichste Weise mein Eigenstes, ganz Persönliches einzubringen. Im Idealfall entsteht dann etwas sehr Inniges und gleichzeitig Universelles. Es ist eine innere Notwendigkeit, ein Drang, den ich nicht zu erklären weiß und den ich mit meinen Mitmenschen zu teilen versuche.

 

Ein besonderes Merkmal Ihrer Sängerpersönlichkeit ist Ihre Vielseitigkeit. Gibt es da auch Schwerpunkte?

PFEFFERKORN Einer ist für mich als Mezzo sicher das Konzertfach mit dem romantischen Lied. Ich trete aber auch als Pop- und Jazzsängerin auf und mische Stile innerhalb meiner Konzertprogramme wie zuletzt bei einem Abend im Februar im Montforthaus Feldkirch oder wie in meinen letzten drei Produktionen mit sehr persönlichen Liedern in einem szenischen Kontext. Kürzlich war ich Überraschungsgast in der Show des Multi-Instrumentalisten Edin Karamazov, der mit Sting seinen Durchbruch feiert.

 

Gibt es da nicht natürliche Grenzen?

PFEFFERKORN (lacht) Nein! Glücklicherweise lassen mein Stimmumfang und meine Stimme es zu, frei zwischen Fächern und Stilen zu entscheiden. Dazu gehört auch die zeitgenössische Musik, weshalb ich regelmäßig Konzerte und CD-Aufnahmen mit Werken lebender Komponisten mache. Im Juni 2017 etwa habe ich mit Pierre Boulez‘ zeitgenössischem Werk „Le marteau sans maître“ mein Solodebüt im Wiener Konzerthaus gegeben oder mich zuletzt an eine griechische Uraufführung gewagt.

 

Wie war die Sache mit Schuberts „Winterreise“, einem Männerzyklus, den Sie 2018 mutig in der Klimt-Villa in Wien gesungen haben?

PFEFFERKORN Diese Einstellung hat sich bei Publikum und Kritik längst gewandelt, und mein Liederabend zusammen mit der Pianistin Hanna Bachmann aus Röthis wurde begeistert aufgenommen. Wir sind damit auch auf eine Tournee in die USA und nach Kanada gegangen.

 

Wie sehr hat die Pandemie Ihre aktuelle Planung behindert?

PFEFFERKORN Ob meine geplanten Debuts als Solistin in der Dritten Mahler mit dem Musikkollegium Winterthur oder einem zeitgenössischen Werk von Charles Uzor im Konserthuset Stockholm stattfinden werden, ist eine für mich nicht leicht erträgliche Ungewissheit. Ein gestrichener Liederabend in der Ukraine, eine verschobene Musicalproduktion in Liechtenstein und eine ins Wasser gefallene Neuseeland-Tour sind nur ein Teil der Ausfälle. Ein Weihnachtsoratorium in kleinstmöglicher Besetzung oder ein Mozart-Requiem im Solo-Quartett bereiten mir momentan umso mehr Freude.

Zur Person

ISABEL PFEFFERKORN

GEBOREN 1991 in Schlins

AUSBILDUNG Landeskonservatorium Feldkirch, Hochschule Zürich, Meisterkurse bei prominenten Sängern

TÄTIGKEIT Auftritte als Konzert-, Oratorien- und Liedsängerin, Bühnenperformerin sowie in Pop, Jazz und Neuer Musik

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