Die Antwort eines großen Zeitgenossen

Kultur / 20.11.2020 • 17:12 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Antwort eines großen Zeitgenossen

Literatur über Literatur ist Abenteuer hoch zwei.

Essay Abenteuer hoch zwei ist genau das, was im Lockdown Sache ist, oder? Wenn man es richtig anpackt, geht es sogar. „Warum nicht lesen“, hat der Philosoph Jürgen Habermas auf die Frage „Warum lesen?“ geantwortet. Die relevante Frage lautet ja auch vielmehr „Was lesen?“. Dazu im Folgenden ein kleines, feines Mosaiksteinchen von Antwort. „Warum Proust?“ wurde der 1932 geborene Autor und Historiker Saul Friedländer gefragt, als er die Absicht bekundete, über Marcel Proust (1871–1922) und seinen Jahrhundertroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu schreiben. Warum nicht Proust, möchte man mit Habermas rückfragen, oder gleich: Was sonst? Zurück zu Friedländer: Seine Antwort steht auf gut 200 wunderbar eingängigen Seiten, einer Summe seiner langjährigen Erfahrungen mit Literatur und bei weitem nicht nur mit Literatur. Es ist auch die Antwort eines großen Zeitgenossen.

Natürlich erwartet man sich auf die „Warum“-Frage eine „Weil“-Antwort. Das ist allerdings ein allzu simples Ansinnen. Auch bei Friedländer findet sich eine solche Antwort zum Glück nicht. Ja, zum Glück, denn das Glück, und das ist der Kern der Sache, das Glück samt Antwort liegt in der je eigenen Lektüre begraben. Begraben? Eher ver- und noch mehr: geborgen. Dort will es aufgestöbert werden, und alles, was eine/r dazu braucht, ist Zeit.

Souveräne Begegnung

Friedländers Buch ist Friedländers Antwort, nicht mehr und ganz sicher nicht weniger. Dass einer wie er, Erforscher und Analytiker des Holocausts, des Dritten Reichs, des Antisemitismus, zudem u. a. Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, dass sich jemand aus dieser Perspektive der „Suche nach der verlorenen Zeit“ Prousts nähert, ist Ansporn genug, diesen solitären Roman lesend zu entdecken. Nicht zuletzt darin besteht das Verdienst von Friedländers souveräner Begegnung mit einem der unbestrittenen Meisterwerke der Literaturgeschichte.

Dass ein Werk wie das Prousts, in dem „die Grausamkeit allgegenwärtig ist“ (Friedländer), gleichzeitig zu einer „umfassenden moralischen Abrechnung“ werden kann, noch dazu unter Verzicht auf jede „Art von Transzendenz“, das, wie manch anderes, hat Friedländer aus Prousts Lebenswerk herausdestilliert, in einer Klarheit, wie sie Generationen von Proust-Forschern vor ihm nicht möglich war. „Marcel erwacht“ als Resümée der Tausenden Seiten Proust: Friedländer erfüllt sie mit unerschöpflichem Leben. PEN

„ Proust lesen“, Saul Friedländer, C. H. Beck Verlag, 210 Seiten

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