Rehe im Kreisverkehr

Kultur / 20.11.2020 • 19:35 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
„Pakete Pakete“ von Tobias Fend thematisiert das Konsumverhalten, wurde in Vorarlberg vor dem Lockdown produziert und nur in der Schweiz gespielt. laurenz Feinig
„Pakete Pakete“ von Tobias Fend thematisiert das Konsumverhalten, wurde in Vorarlberg vor dem Lockdown produziert und nur in der Schweiz gespielt. laurenz Feinig

Bevor die Theater in Österreich wieder offen sein dürfen: Akt aus „Pakete Pakete”.

Der schönste Moment am Tag ist, wenn man in endlich losfährt. Wenn alle Pakete gescant und einsortiert sind. Ordnung im Wagen, Ordnung im Scanner, Ordnung im Kopf. Es wird hell und ich fahr auf die Autobahn. Wenn das Wetter gut ist und die Zufahrt nicht verstopft, ist das der beste Moment des Tages. Da läuft mir noch nicht alles zuwider. Da läuft es noch nach meinen Regeln. Im Juli und August haben viele Firmen Ferien. Keine Weihnachtsgeschenke, kein Stau, kein Schnee. Keine hundert Pakete im Wagen. Eine himmlische Ruhe auf der Autobahnzufahrt. Rehe grasen neben dem Kreisverkehr.

Ich hör mir die „Götterdämmerung“ an und bleib auf der normalen Spur, Wagner zum Aufwachen, sollen die mich doch überholen. Ich hab Zeit heute. Noch muss ich nicht aus dem Wagen klettern, vorsichtig raus, wegen des linken Knies. Das müsste man längst operieren, aber ich mag nicht. Noch sind die schweren Pakete hinten drin, ganz unten. Diese miesen Dinger für die Fahrzeugbauer und Handwerker. Diese bleischweren Feinde, die so harmlos daherkommen in ihrem Karton, aber randvoll sind mit massiven Eisenmuttern und Bodenfließen und Baggerschaufeln. Der Matteo haut sie mir vom Band meistens direkt ins Auto. Dem sein Rücken wird ihm auch noch die Rechnung präsentieren. Noch stehen mir keine Treppen und Laderampen und enge Gartentore im Weg, unpassierbar für die Sackkarre. Ich hab die perfekte Route im Kopf. Ich kenne jede Adresse, ich weiß überall wo parken. Wohin ich zuerst hinfahre und wohin später. Ich beiß in meinen Wurstsemmel mit zwei Gurkerln und Senf und singe ein bisschen mit. Läuft doch heute.

Und dann geht’s los. Unfall, Baustelle, Ampelregelung, stockender Verkehr. Die Räder stehen und die Zeit läuft. Da kann man noch den Wagner lauter drehen. Die Wurstsemmel fertigessen. Einmal nicht runterwürgen. Dann kommen die ersten Stops, alles Firmen, überall das selbe: Warenannahme ist nicht besetzt, Klingel kaputt, keiner kommt, frag mal da drüben, müsste eigentlich da sein, weiß ich jetzt auch nicht, im Sekretariat vielleicht, ist in der Pause, kommt gleich, stell es einfach da hin, heute nicht mehr. Raus aus dem Auto, rein ins Auto, jedesmal kommt mir der Wagen höher vor, als würde er ständig wachsen.

Ich stemme mich mit den Armen auf den Sitz. Dieses Knie, ich muss das wirklich bald operieren lassen, immerhin gäbe das drei Wochen Krankenstand. Und dann das Handy: Der Laster mit den Express Lieferungen ist doch noch gekommen. Zurück ins Verteilerzentrum. Sinnloser Weg. Die ganze Ouvertüre nochmal. Die Kollegen schmeißen das Zeug einfach bei mir hinten rein. Es hört nicht mehr auf. Das reinste Chaos. Nichts sortiert. Lauter Adressen, an denen ich schon war. Und wieder rein in die Firmen: Warenannahme nicht besetzt, Klingel kaputt, keiner da, frag mal da drüben, Mittagspause. Express bis zwölf, Express bis zwei. Und dann noch ein Paket in die Schlumpfstraße 12345 und eins ohne Hausnummer. Arschlöcher! Habt ihr nichts besseres zu tun?

Ich mach den Wagner aus, ich hab Kopfweh. Warum mach ich das überhaupt? Kommt eh die Hälfte wieder zurück. Bei Kleidung zwei Drittel. Damit sie es dann in der Firma wegschmeißen. Weil das auspacken zu teuer ist. Oder die Leute schmeißen es zu Hause selber weg, weil sowieso alles so schnell kaputt geht. Ist mir eh lieber, als wenns sie es zum wegschmeißen wieder in dir Firmen zurückschicken. Das spart Arbeit. Noch besser wäre natürlich, sie würden das Zeug gleich in der Firma wegschmeißen. Man bestellt und bezahlt online, und die schmeißen es sofort exklusiv für dich weg. Ohne sinnlose Wege. Aber soweit sind wir noch nicht. Noch muss der Abfall auf den Weg gebracht werden damit der Rubel rollt. Auch wenn die andere Hälfte Luft ist. Die halben Kartons sind voll mit Luft. Karton und Luft. Vielleicht noch Luftpolsterungen. Das transportieren wir. Luft und Abfall in Karton. Kaputtes Knie und Rückenweh, für Luft und Abfall. Expressabfall und Eilabfall und Terminabfall. Abfallabholung, Abfallschaden, Retourabfall. Paketboten sind nichts anderes umgedrehte Müllabfuhren. Nur ist der Müll bei uns noch gut verpackt. Alleine bei uns über eine Million Pakete pro Tag in der Vorweihnachtszeit. Das passt irgendwann in die Wohnungen nicht mehr rein. Die Paketboten müssen nach stopfen, mit weißen Handschuhen, wie in der U-Bahn in Tokio. Permanente Paketmast. Wohnungen wie Stopflebern, bis die Leute keinen Platz mehr haben und mit ihren Laptops auf die Dächer klettern, um weiter zu bestellen.

Und die Paketboten rasen weiter durch haushohe Schachtel-Schluchten. Wie fleißige Ameisen, die ihren Paketstaat weiter und weiter ausbauen. Ein riesiger Turm aus Paketen von babylonischem Ausmaß entsteht über der Stadt, gebaut von unzähligen fleißigen Helfern, die weiter liefern und abstellen und unterschreiben lassen. Bis in den Himmel reicht der Schachtelturm mit Dingen aus der ganzen Welt. Und ganz oben drauf flattert als Speerspitze des Versandhandels ein Abholzettel mit dem Text: Wir konnten sie leider nicht zu Hause antreffen.

Zur Person

Tobias Fend

Geboren 1983 in Feldkirch

Tätigkeit Autor, Schauspieler, Leiter des Theaters Café Fuerte mit Danielle Fend-Strahm

Stücke „Pakete Pakete“, „Bus“,
„Das letzte Haus“, „Alarmtauchen“, „Die Montanahls“

Wohnort lebt mit Familie in Hittisau

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