Zwei Anti-Krimi-Autoren werden neu verlegt

Kultur / 27.11.2020 • 17:12 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der SchneemannJörg FauserDiogenes293 Seiten

Der Schneemann

Jörg Fauser

Diogenes

293 Seiten

Patricia Highsmith und Jörg Fauser prägten das Genre und sind sich durchaus ähnlich.

Romane Die Grande Dame der amerikanischen Literatur, Patricia Highsmith, die eigentlich mehr in Europa beheimatet war als in den Vereinigten Staaten, würde im Januar 2021 ihren 100. Geburtstag feiern. Da gibt es natürlich einen großen Bahnhof: Das US-TV verfilmt alle Mr. Ripley-Romane als Serie, „Tiefe Wasser“ wird fürs Kino adaptiert, dazu legt Diogenes die Taschenbücher neu auf, allen voran „Zwei Fremde im Zug“. Zudem überrascht der Verlag mit einer Erstveröffentlichung: „Ladies“ heißt eine Sammlung früher Kurzgeschichten, die noch nie in deutscher Sprache veröffentlicht wurden. Bravo! Es ist nie zu spät, Gefallen an Patricia Highsmith zu finden. Es gibt vermutlich keine andere Autorin, die menschlichere Geschichten schreibt und zugleich mit einer überraschenden, fast schon juristischen Kälte agiert wie Patricia Highsmith.

Die Lady mit den Schnecken

Mag sein, dass nicht jede dieser Kurzgeschichten in „Ladies“ jene spezielle Highsmith zeigt, die später weltberühmt wurde, aber in jeder Story ist die spätere Handschrift zu erkennen. Bereits hier entwirft Highsmith plastische Räume und Landschaften. Nichts Opulentes, einfach Gebäude, die sie zu einem ganz intimen Leben erweckt. Egal, ob das nun eine stillgelegte Messerfabrik, oder das Haus der Träume einer Dienstbotin ist – fast könnte man sagen, die Autorin stellt das Umfeld ihrer Protagonisten lebendig dar, um sie dann glaubhaft durch die Hölle zu schicken. Und da müssen sie durch. Nämlich in dem Moment, in dem Highsmith sie der Wirklichkeit aussetzt, oder sie ihrer Psyche überlässt. Highsmith hat ihre Romane nicht psychologisiert, sondern sie hat die Figuren ihren psychischen Defekten ausgesetzt. Nüchtern und analytisch geht sie vor, kein Messer wird unbegründet gezückt. Diese Mischung entwickelt einen immensen Sog, dem sich ihre Leserschaft nur schwer entziehen kann. Am besten ist das in den Geschichten „Als die Flotte im Hafen lag“ und „Die Heldin“ nachzulesen. Als Zugabe dient „Der Schneckenforscher“, zu lesen immer mit dem Wissen, dass Patricia Highsmith selbst eine Schneckenzüchterin und Beobachterin war.

Ein Verbündeter im Tal der psychologischen Defekte ist Jörg Fauser. In der Reihe der Neuauflagen ist man nun bei einem Hauptwerk des deutschen Autors, „Der Schneemann“, angelangt. Es ist die Geschichte des Kleinkriminellen Blum, der während eines Trips nach Malta eher zufällig einige Kilo reinstes Kokain erwirbt. Würde in einem Thriller heutzutage alles in Richtung Flucht, Verfolgungsjagden und Millionärsjachten gehen, verheddert sich Blum in Kleinkram. Liest man den Roman heute, kommt er einem unheimlich entspannt vor. Dazu kommen präzise Beschreibungen und Analysen wie bei Highsmith. Zum Teil war das frühe Ableben des Autors dem turbulenten München der 1980er-Jahre geschuldet, den Rest besorgte das damals noch reaktionäre deutsche Feuilleton. Heute liest sich „Der Schneemann“ mehr als entspannt – eine gelungene Antithese zum deutschen 08/15-Thriller.

LadiesPatricia HighsmithDiogenes308 Seiten

Ladies

Patricia Highsmith

Diogenes

308 Seiten

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