Wie ein kritisches Kunstprojekt in den sozialen Medien wächst

Kultur / 28.11.2020 • 10:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<p class="caption">Anwander ist bekannt für ihre konzeptuelle, häufig subversive Arbeitsweise. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"><span class="copyright"> </span></span><span class="marker"><span class="copyright">ag</span></span></p>

Anwander ist bekannt für ihre konzeptuelle, häufig subversive Arbeitsweise.  ag


Das hochaktuelle „Empty Wall Project” der Vorarlberger Künstlerin Maria Anwander hat es in sich.

Bregenz, Wien Leere Museen, leere Kunsträume und leere Galerien – während des Lockdowns liegt die Kunstszene brach, die Ausstellungsräume sind durch die temporäre Schließung verwaist. Im Gegenzug dazu explodieren Bilder-Plattformen wie Instagram oder Facebook förmlich und überschwemmen uns mit ihrem Output an immer noch mehr Fotos. Dieser Flut an Bildern, an schnellen visuellen Impulsen und Fast Food für die Augen, setzt Maria Anwander (geb. 1980 in Bregenz) in ihrem jüngsten Projekt eine wohltuende, vermeintliche Leere entgegen. Mit ihrem „Empty_Wall_Project“ nimmt die Künstlerin Bezug auf die aktuelle Situation in den Ausstellungshäusern und konterkariert die Dauer-Bildberieselung in den sozialen Medien.

Die Wand geknutscht

Wie man als Fan von Maria Anwander bereits weiß, pflegt die aus Bregenz stammende, in Berlin lebende und arbeitende Konzeptkünstlerin ein sehr besonderes Verhältnis zu Museumswänden. So knutschte sie einst im New Yorker MoMA innig eine Wand und hinterließ neben dem unsichtbaren Kuss ein Schild mit einer Werkbeschreibung, in der sie „The Kiss“ als Schenkung an die Sammlung deklarierte. In diesem ebenso winzigen wie radikalen Eingriff in die Ausstellungsmaschinerie des weltbekannten Museums manifestierte sich Anwanders Institutionskritik und das Hinterfragen von Hierarchien in der Kunstwelt – voller Witz, aber gnadenlos. Neben gemeinsamen Projekten mit Ruben Aubrecht, ihrem Partner im Leben und Komplizen in der Kunst, sind laufende, über die Jahre wachsende und zusammengetragene Werkserien exemplarisch für das Schaffen von Maria Anwander. Dazu zählen „My Most Favourite Art“ als eine Sammlung von während 15 Jahren aus Museen und Galerien geklauten Werkschildern oder die mit Selbstauslöser geschossene Fotoreihe „In The Studio“. In diese Work-in-Progress-Kategorie fällt nun auch die schon länger geplante, aus aktuellem Anlass jüngst begonnene Serie „Empty_Wall_Project“. Auf dem gleichnamigen, eigens angelegten Instagram-Account der Künstlerin wächst allmählich ein Archiv heran, das aus Fotos von lauter leeren weißen Museums- und Kunstraumwänden besteht.

Authentisch oder austauschbar?

Die Aufnahmen stammen teilweise aus dem Bestand von Maria Anwander, den sie in den letzten Wochen nach passenden Motiven und Ausschnitten sorgfältig durchforstet hat. Dazu gesellen sich aber auch aktuelle Bilder von Wandstücken, wie jenes eigens für die Serie gemachte und mit Spezialerlaubnis erwirkte Foto aus dem Berliner Gropius Bau. Im Gegensatz zur schönen bunten Instagram-Welt, wie wir sie kennen, generiert der Anwandersche Account so etwas wie „digitales Detox in Light-Version“ (Anwander), wenn die monochrom weißen, allenfalls noch leicht blau- oder rotstichigen Wandbilder aufploppen. Aneinandergereiht und mit dem jeweiligen Ort betitelt, wirken die Ausschnitte wie Muster auf einer Farbkarte. Authentisch oder austauschbar? Einmal mehr eine auf den ersten Blick unspektakuläre Arbeit, die in ihrer Listigkeit und Hintergründigkeit aber beispielhaft für das Schaffen von Maria Anwander ist: „Es geht mir um diese Leere, die wir derzeit alle durchleben müssen und um das gleichzeitige Gefühl, digital überrollt zu werden.“ Indem sie das Medium Instagram benutzt, quasi mit seinen eigenen Waffen schlägt, und mit leeren Bildern flutet, hinterfragt sie es auf subversive Weise. Dieser Meinung ist auch die deutsche Stiftung Kunstfonds, die das unter dem Link @empty_wall_project aufscheinende Projekt mit einem Stipendium fördert. Damit das Archiv schneller wächst, können der Künstlerin unter emptywallproject@maria-anwander.net auch Fotos von leeren Wänden in Ausstellungshäusern zugeschickt werden. Ariane Grabher

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