Wo es eine tolle Oper für alle gibt

Kultur / 08.12.2020 • 16:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Christian Gerhaher (oft auch zu Gast bei der Schubertiade in Vorarlberg) in der Neuinszenierung von Verdis "Simon Boccanegra" in Zürich. <span class="copyright">Oper/Rittershaus</span>
Christian Gerhaher (oft auch zu Gast bei der Schubertiade in Vorarlberg) in der Neuinszenierung von Verdis "Simon Boccanegra" in Zürich. Oper/Rittershaus

Verdis „Simon Boccanegra“, inszeniert von Andreas Homoki, als Premiere zum Streamen.

ZÜRICH Der Schweizer Bundesrat erlaubt derzeit Veranstaltungen mit maximal 50 Personen. ARTE hat aber die Neuinszenierung im Zürcher Opernhaus mitgeschnitten und ausgestrahlt. Wer an der TV-Premiere nicht dabei war, hat in den kommenden Wochen noch Gelegenheit, die Sendung kostenlos zu sehen.

Andreas Homoki, der "Simon Boccanegra" inszeniert hat, führt bei der nächsten Seebühnenproduktion der Bregenzer Festspiele Regie. <span class="copyright">Oper/Rittershaus</span>
Andreas Homoki, der "Simon Boccanegra" inszeniert hat, führt bei der nächsten Seebühnenproduktion der Bregenzer Festspiele Regie. Oper/Rittershaus

Wer Oper in Corona-Zeiten anbieten will, muss erfinderisch sein. Und das Opernhaus Zürich war dies bereits vor Monaten, als es für seine Aufführungen jeweils Chorgesang und Orchesterspiel aus einem externen Probenraum ins Opernhaus gestreamt hat. Das Verfahren ist aktuell auch genutzt worden für „Simon Boccanegra“ von Giuseppe Verdi. Und wiederum mit staunenswertem Resultat. Natürlich wird man es kaum als zwingend ansehen können, dass die von Janko Kastelic sauber einstudierten Choristen nicht auf der Bühne agieren. Aber Regisseur Andreas Homoki ist es gelungen, den Chorgesang derart überzeugend als kollektive innere Stimmen auszugeben, dass die physische Nichtgegenwart geradezu in ein Plus umgemünzt wird. Und unter Fabio Luisi gelingt es der Philharmonia Zürich, sowohl konturenscharf charakterisierende Motivzeichnungen herauszuarbeiten wie auch vorimpressionistisch anmutende Stimmungswerte zu malen.

Politisch und privat

Die Oper handelt davon, wie im Genua des 14. Jahrhunderts der Doge Simon Boccanegra gegen eine wachsende Zahl von Feinden ankämpft, darunter den Patrizierführer Fiesco, den jungen Adeligen Gabriele und den Plebejer Paolo. Konfliktauslösend ist, dass Maria, die Boccanegra mit Fiescos Tochter gleichen Namens gezeugt hat, als kleines Mädchen spurlos verschwindet und als Frau – mit dem Namen Amelia – allzu lange nicht identifiziert wird. Verdi und Arrigo Boito, der für die 1881 uraufgeführte und hier interpretierte Zweitversion am Libretto gefeilt hat, dringen vor zu einem spannenden Politthriller und einer bewegenden Vater-Tochter-Geschichte.

In einem vom Ausstatter Christian Schmidt labyrinthisch angelegen System aus Kammern, Gängen und Türen und bei fleißig genutzter Drehbühne findet Homoki zu einem überzeugenden Sowohl-als-Auch von politischen und privaten Plot-Anteilen. Wo der Doge nach Frieden und Liebe ruft, lässt der Regisseur im Zuschauerraum kurz die Lichter angehen. Eine Mahnung in unserer Zeit, in der die Menschen sich ideologisch auseinanderleben. Statistinnen, etwa für die kleine Maria, sorgen für poetische Rückblenden in eine belastete Vergangenheit. Türen öffnen und schließen sich wie von Geisterhand. Dass Vater und Tochter sich nicht richtig nahekommen, nachdem sie sich wiedererkannt haben, bedeutet dann allerdings eine wenig überzeugende Überproblematisierung dieser Beziehung.

Die Neuinszenierung ist per Stream zu erleben. <span class="marker"><span class="copyright">Oper/Rittershaus</span></span>
Die Neuinszenierung ist per Stream zu erleben. Oper/Rittershaus

Christian Gerhaher gestaltet die Titelrolle mit einer kontrollierten Glut, die einen gefangen hält- die Baritonstimme perfekt führend, packend im Spiel. Jennifer Rowley als Amelia gebietet über einen Sopran, der magistral leuchten, aber auch in zartem Pianissimo schimmern kann. Der Fiesco profitiert von Christof Fischessers resonanzreichem, profundem Bass. Überzeugend auch Otar Jorjikia als Gabriele (manchmal mit etwas viel Druck) und Nicholas Brownlee als Paolo. Torbjörn Bergflödt

Die Aufzeichnung der Premiere von “Simon Boccanegra” ist auf ARTE Concert bis 5. März 2021 als kostenloses Video on Demand verfügbar: www.opernhaus.ch