Komponist Richard Dünser: “Das hat sich ein Kulturfeind ausgedacht”

Kultur / 01.01.2021 • 16:10 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Richard Dünser: "So bringt man Kunst und Kultur in unserem Land um, weil die Künstler nicht so eine Lobby haben wie z. B. die Wirtschaft." <span class="copyright">Simon Dünser</span>
Richard Dünser: "So bringt man Kunst und Kultur in unserem Land um, weil die Künstler nicht so eine Lobby haben wie z. B. die Wirtschaft." Simon Dünser

Der Bregenzer Richard Dünser nimmt auch zu jüngsten kulturpolitischen Entscheidungen Stellung.

Graz, Bregenz Er lebt in der Steiermark und unterrichtet als Professor an der Musik-Uni Graz. Und doch ist der Komponist Richard Dünser in seiner Heimat so präsent geblieben, als wäre er nie weg gewesen, durch Uraufführungen seiner Werke wie der Oper „Radek“ bei den Festspielen, aber auch als stets gut gelaunter Zeitgenosse im Freundeskreis.

Welche Auswirkung hatte die Coronapandemie auf Sie und auf Ihr Schaffen?
Es war, besonders während des ersten Lockdowns, eine Zeit größter Kreativität für mich. Ich habe mehrere umfangreiche Werke abgeschlossen, etwa „Ricordanze“ für Klavierquartett, das heuer im Vorarlberg Museum uraufgeführt wird, dazu eine Version für großes Orchester für die Beethoven Philharmonie Baden. Auftragswerke gibt es für den Musikverein Wien und das Alban-Berg-Ensemble mit „der zeiten spindel III“ sowie den Dirigenten Mario Venzago und das Basler Kammerorchester mit einer neuen Fassung des E-Dur-Symphoniefragments von Schubert als große Symphonie von 40 Minuten Spieldauer. Außerdem habe ich mein drittes Streichquartett für das junge Selini Quartett begonnen.

Wie unverzichtbar ist Kunst gerade in einer so prekären Situation?
Kunst ist, je schlechter es den Menschen geht, eine umso größere Notwendigkeit im Leben. Ich hatte vor Jahrzehnten eine Uraufführung in Rumänien während der grauenvollen Ceausescu-Diktatur. Selten habe ich erlebt, dass Menschen derart inbrünstig einem Konzert zuhören – das war von einer unglaublichen Intensität.

Hat die Politik in ihren Entscheidungen und Hilfsleistungen angemessen auf Künstler und Institutionen reagiert, denen die Einnahmen weggebrochen sind?
Nein, leider überhaupt nicht. Etliche meiner Kollegen, also Musiker, Komponisten, Dirigenten, die freischaffend sind, wurden im wahrsten Sinne des Wortes ausgehungert. Das ist ein Skandal. Wie mit dem Kultursektor umgegangen wird ebenso. Ein Irrsinn auch die neue Regelung, dass ab 18. Jänner Konzerte stattfinden dürfen, aber nur untertags. Das hat sich ein Kulturfeind ausgedacht, denn wer wird denn als berufstätiger Mensch untertags in ein Konzert gehen können? So bringt man Kunst und Kultur in unserem Land um, weil die Künstler nicht so eine Lobby haben wie z. B. die Wirtschaft. Aber die Kunst ist in Wirklichkeit ebenso ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.

Wie ist es Ihnen gelungen, über Jahrzehnte in so enger Verbindung zur Vorarlberger Musikszene und zum heimischen Publikum zu bleiben?
Die Verbindung zu Vorarlberg war und ist für mich essenziell. Ohne ORF-Landesstudio, die Bregenzer Festspiele unter Wopmann und Pountney, das Symphonieorchester Vorarlberg, das Ensemble Plus und die Kulturabteilungen des Landes, von Bregenz und Dornbirn und viele Musiker-Freunde hätte ich meinen Weg so nicht gehen können. Meine Ermahnung an die Politik ist: Bei Musik, insbesondere beim Symphonieorchester Vorarlberg und beim Ensemble Plus, nicht knausrig sein, das sind ganz wesentliche großartige Kulturträger, und es kommt immateriell und materiell zurück. Weniger für Dinge ausgeben wie Beratungs- und PR-Firmen, die Unsummen verschlingen. Die Politik sollte auch die Vorarlberger Musikschaffenden deutlicher unterstützen, wie es der kürzlich verstorbene Landesrat Guntram Lins zu seiner Zeit auch den Bregenzer Festspielen empfohlen hat. Denn Künstler brauchen Rückhalt aus der Heimat.

Wie wird man Komponist?
Gute Frage. Man muss eigentlich verrückt sein, ein „normaler“ Mensch kann oder will das wohl kaum auf sich nehmen: stundenlanges, jahrelanges, jahrzehntelanges einsames Arbeiten in den eigenen vier Wänden, der Welt abhandenkommen, Selbstauferlegung einer fast soldatesken Pflichterfüllung und Disziplin. Das macht nur jemand, der den unwiderstehlichen, ununterdrückbaren Drang hat, etwas auszusagen, etwas mitzuteilen. Wenn einem diese Aussagen gelingen, erfüllt einen dies mit einem so großen Glücksgefühl, dass man für alles andere, die Durststrecken, die Mühen der Ebene etc. entschädigt wird. Dies insbesondere, wenn man das Geschenk hat, mit Weltklassemusikern, -orchestern und -ensembles zusammenzuarbeiten und aufgeführt zu werden, von denen man verstanden, geschätzt und geliebt wird.


Es gelingt Ihnen immer wieder, mit Ihrer Musik das Publikum zu erreichen. Worauf führen Sie das zurück?
Möglicherweise darauf, dass ich etwas aussagen und damit Resonanz erzielen will, in einen Dialog mit den Zuhörern eintreten und diese berühren will. Ich möchte moderne Kunst machen, aber auf so altmodische Dinge wie ausgehörten Klang, Atmosphäre und Stimmung setzen und für die Musiker so schreiben, dass sie es gerne spielen, weil es ihre Instrumente so zur Geltung bringt, wie sie das intensiv studiert haben, und sie nicht nur Geräusche und Gekratze hervorbringen sollen …

Zuletzt haben Sie sich auf Bearbeitungen bestehender Werke spezialisiert. Was fasziniert Sie an dieser nachschöpferischen Tätigkeit?
Es ist ein Teil meines Komponierens. Von Bach über Mozart bis Henze und Zender haben Komponisten immer auch Werke anderer bearbeitet. Man lernt dadurch eine Menge, außerdem ist Instrumentation eine große Liebe von mir. Ich suche übrigens die ausgeglichene Balance zwischen eigenen Werken und Bearbeitungen, das eine befruchtet das andere. Ich würde aber niemals nur Bearbeitungen machen wollen, ich bin kein Arrangeur, sondern ein Komponist. Ich greife ins Werk ein, übernehme die Letztverantwortung und mache es quasi zu meinem eigenen. Es ist wie das Übersetzen von Literatur. So habe ich für das Silver-Garburg-Klavierduo Brahms‘ Klavierquartett Nr. 1 zu einem vierhändigen Klavierkonzert erweitert, das mit den Wiener Symphonikern zum internationalen Erfolg wurde. Im Moment mache ich dasselbe mit Robert Schumann, Uraufführung ist 2022 in Santa Barbara/USA.

Wir stehen an der Schwelle eines neuen Jahres. Können Sie uns einen Hoffnungsschimmer für die kommende Zeit mitgeben?
Als grenzenloser Optimist freue ich mich auf die in absehbarer Zeit sicher wieder eintretende Wiederkehr der Kunst ins öffentliche Leben. Fritz Jurmann

RICHARD DÜNSER

Ausbildung Konservatorium Bregenz, Studien bei Francis Burt an der Musikuni Wien und bei Hans Werner Henze in Köln

Tätigkeit 1991 Berufung zum Professor für Musiktheorie an der Musik-Uni Graz, seit 2004 dort Leiter einer Kompositionsklasse; umfangreiches Schaffen als Komponist in verschiedensten Gattungen, Auftragswerke, internationale Aufführungen

Auszeichnungen 1988 Staatsstipendium für Komposition, 2000 Dombrowski-Stiftungspreis für Musik, 2010 Ernst-Krenek-Preis

Familie verheiratet, zwei Söhne

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