Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Spät kommt ihr …

Kultur / 14.03.2021 • 07:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

In seinen „Unfreundlichen Gedanken“ schrieb der österreichische Dichter Robert Musil: „Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler.“ Natürlich meinte er damit jene Herren, die auf Marmorsockeln in denkerischer Pose auf einem Sessel sitzend in die Weite schauen oder auf hohem Ross sitzend die Hand mit Schwert erheben, er meinte weniger jene Objekte, die dem Denkmalschutz anheimgefallen sind. Ganz sicher meinte er nicht den Bregenzer Ölrain (den er ohnehin nicht gekannt hat), obwohl sein Satz genau auf diesen zutrifft. Denn so unsichtbar wie am Ölrain kann Denkmalschutz kaum einmal sein. Alles, was geschützt werden soll, ist nämlich schon überbaut oder zumindest im Boden. Und noch einen großen deutschen Dichter, Friedrich Schiller (der natürlich den Ölrain auch nicht gekannt hat), könnte man mit dem Satz aus „Wallenstein, Die Piccolomini“ zitieren: „Spät kommt ihr – doch ihr kommt!“

„Jetzt ist es zu spät, jetzt stehen auf den römischen Häusern meist ziemlich gewöhnliche neue Häuser. Da gibt es nichts mehr zu schützen.“

Das Denkmalamt kommt mit der Idee, den Ölrain unter Denkmalschutz zu stellen, tatsächlich spät. Genauer: zu spät. Immerhin schrieb man das Jahr 1864, als Samuel Jenny, ein Unternehmer und Altertumsforscher, begann, das römische Brigantium, vornehmlich am Ölrain, auszugraben. Jenny war ein kluger Mann, er konservierte die Ausgrabungen, die er nicht erhalten konnte, indem er alles wieder zuschüttete. Allerdings zeichnete er auch einen genauen Lageplan der römischen Bauwerke in Bregenz. Und ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in Bregenz immer wieder römische Bauwerke freigelegt, immer wissenschaftlich erfasst, in die bestehenden Lagepläne eingebaut, aber dann fast immer wieder überbaut. Am bekanntesten am Leutbühel, wo das GWL sozusagen auf römische Mauern gestellt wurde. Es gäbe viele Beispiele, als jüngstes die Freilegung der Reste eines römischen Theaters unter dem Deuringschlößle – das ehemalige Theater wurde inzwischen mit einer Garage überbaut.

Nach all diesen – ich sag es einmal etwas salopp – Missachtungen römischer Bausubstanz kommt nun das Denkmalamt und will den Ölrain, das am dichtesten von römischen Bauten durchzogene Gebiet, unter Denkmalschutz stellen. Allerdings: Der Ölrain ist bestes Siedlungsgebiet in Bregenz, alles ist verbaut. Die freien Bauplätze lassen sich an einer Hand abzählen. Aber jetzt soll geschützt werden, was nicht mehr zu schützen ist. Das hätte man vor vielen Jahrzehnten tun müssen, dann wäre Bregenz eine großartige Ausgrabungsstätte, vielleicht ein internationaler Anziehungspunkt für Altertumsinteressierte geworden. Jetzt ist es zu spät, jetzt stehen auf den römischen Häusern meist ziemlich gewöhnliche neue Häuser. Da gibt es nichts mehr zu schützen. Wie gesagt: „Spät kommt ihr …“

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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