Eva Maria Hamberger: „Das Cembalo hat mich gefunden“

Kultur / 27.03.2021 • 16:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Eva Maria Hamberger: „Das Cembalo hat mich gefunden“
Cembalistin Eva Maria Hamberger erforscht auch das Musikleben der Einsiedler-Mönche von St. Gerold. JU

Die Lebensaufgabe von Eva-Maria Hamberger ist die Erforschung der kulturellen Vergangenheit von St. Gerold.

THÜRINGEN Sie stammt aus einer musikalischen Familie, wo Eva-Maria mit ihren beiden Geschwistern die Musikszene im Land bereicherte. Heute ist die Musikerin nach einer umfassenden Ausbildung von Basel aus pädagogisch, musikwissenschaftlich und mit Ensembles international tätig und setzt aktuell zu Ostern ihr „forum alte musik“ in St. Gerold fort.

Sie haben diese Reihe von Meisterkursen und Konzerten 2014 als Verein ins Leben gerufen. Hat sich Ihr Mut von damals ausgezahlt?
Auf jeden Fall. Wir planen schon mit Feuereifer den nächsten Meisterkurs, der vom 1. bis 7. August in Feldkirch stattfinden wird. Wie durch ein Wunder konnten alle Dozenten, denen wir leider im letzten Jahr coronabedingt absagen mussten, für diesen Sommer wieder zusagen. Dem Osterkonzert in St. Gerold können hoffentlich bald weitere folgen.

Begonnen hat bei Ihnen alles im prägenden Elternhaus.
In meiner Familie war Musik immer allgegenwärtig. Mein Vater spielte Klavier und sang im Domchor Feldkirch, meine Mutter spielte Klavier und Orgel. Ich kann mich an keine Zeit meiner Kindheit erinnern, da bei uns zuhause nicht gesungen, gespielt oder Musik gehört wurde. Wir Geschwister (Lukas, Violine, und Anna, Violoncello) haben des Öfteren Choreografien und ganze Musicals rund um unsere Lieblings-CDs entworfen, und unser Umgang mit Musik war stets ein ungezwungener, freier und sehr bereichernder.

Sie haben dann parallel mehrere Ausbildungswege durchlaufen, bis das Cembalo zu Ihrem Hauptinstrument wurde?
Ich habe es sehr genossen, diese Bandbreite an Instrumenten – sowohl ein Melodieinstrument wie die Bratsche als auch zwei Tasteninstrumente – parallel lernen und ausüben zu dürfen. Ich habe dabei stets wechselseitig von den verschiedenen Instrumenten profitiert. Dass ich schlussendlich beim Cembalo gelandet bin, verdanke ich tatsächlich einer Verstrickung glücklicher Zufälle. Ich wusste vom ersten Moment an, dass das „mein“ Instrument ist. So pathetisch das auch klingen mag: Das Cembalo hat mich gefunden, nicht umgekehrt.

Das Cembalo bildete dann auch die Grundlage für mehrere Ihrer Ensembles, mit denen Sie in ganz Europa konzertieren, mit speziellem Repertoire?
Keines meiner Ensembles versucht sich durch eine spezielle Besetzung von den anderen Ensembles der Alte-Musik-Szene bewusst abzugrenzen. Darum geht es mir persönlich auch gar nicht. Vielmehr ist es mir ein Anliegen, diese wunderbare Musik den Menschen im Zusammenspiel mit tollen Mitmusikern näherzubringen. Dafür braucht es „nur“ die Liebe zur Musik, die Liebe zum Detail und ein gewisses Maß an Mut und Verwegenheit, um auch Werke aufzuführen, die vielleicht nicht so bekannt sind.

Inwieweit hat die Corona-Pandemie Ihre künstlerische und finanzielle Situation beeinflusst?
Der Wegfall von Konzerten hat den Schwerpunkt meiner Arbeit zeitweilig verschoben. Ich hatte während des ersten Lockdowns 2020 viel mehr Zeit, mich großen Solowerken und meiner musikwissenschaftlichen Forschung zu widmen. Finanziell kann ich von mir behaupten, dass ich nie in einen gefährlichen Engpass kam, weil ich einerseits auf eigene Rücklagen, andererseits auf Unterstützungszahlungen verschiedener Institutionen in Vorarlberg und der Schweiz zurückgreifen konnte. Allerdings machen diese Zuwendungen der Ämter weder die entstandenen finanziellen Verluste zur Gänze wett, noch die große Leere, die man empfindet, wenn man im Kalender wieder ein Konzert ausstreichen muss. Denn die Bühne ist für mich neben meinen anderen Aufgaben der Ort, wo ich mich zuhause fühle, an dem ich mich in Musik ausdrücken kann und den Menschen Freude bereiten möchte.

Sie forschen im Rahmen Ihrer Dissertation über das Musikleben der Einsiedler-Mönche im 18. Jahrhundert in St. Gerold.
Die Erforschung der Musikkultur der Einsiedler wird mich noch weit über meine Dissertation hinaus begleiten. Man könnte es als meine Lebensaufgabe bezeichnen. Es gibt unermesslich viel im Einsiedler Musikarchiv zu entdecken, mitunter auch Dinge, die die Musikgeschichtsschreibung in Vorarlberg beeinflussen könnten. Die Einsiedler Mönche waren musikalisch unglaublich aktiv und produktiv und der Walgau war während ihres Exils Ende des 18. Jahrhunderts für sie einer der Umschlagplätze für damals neue Musik. Was mich anfangs sehr erstaunt hat, war die große Fülle an Musik, die zwischen 1798 und 1804 in St. Gerold entstanden ist. Die Einsiedler waren aber auch eifrige Kopisten und sammelten Musik aus Italien und dem süddeutsch-österreichischen Raum, darunter auch beachtliche sinfonische Werke, die sie mit Sicherheit in St. Gerold spielten. Ich möchte diese Werke in naher Zukunft edieren und sie dort auch wieder zum Leben erwecken. Fritz Jurmann

Konzert 4. April, 16 Uhr, Propstei St. Gerold – „Bei Bach unterm Dach“ (Ensemble MaisonBleue)

EVA-MARIA HAMBERGER

Geboren 1991 in Feldkirch, lebt in Basel

Ausbildung IGP-Studium Klavier und Konzertdiplom Cembalo jeweils mit Auszeichnung (Konservatorium Feldkirch), Schola Cantorum Basiliensis, Meisterklassen

TÄTIGKEIT Konzerte als Cembalistin, Pianistin und Mitglied verschiedener Ensembles; Gründerin des „forum alte musik : sankt gerold“, Musikpädagogin, musikwissenschaftliche Arbeiten

AUSZEICHNUNGEN Preisträgerin diverser Wettbewerbe, Stipendiatin der Maja-Sacher-Stiftung und der Musikakademie Basel