Lesen Sie auch Häuserzeilen und Blattoberflächen

Kultur / 02.04.2021 • 22:26 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Lesen Sie auch Häuserzeilen und Blattoberflächen

Wenn Ihnen jemand Tipps für das literarische Schreiben gibt: Ignorieren Sie sie.

Achten Sie nicht darauf. Schieben Sie sie beiseite. Und denken Sie sich Ihre Teile. Als freundliches Entgegenkommen könnten Sie zwar den einen oder anderen Tipp, der Sie anspricht oder, mindestens so spannend, so richtig gar nicht anspricht, ausprobieren. Sollte er aber nicht funktionieren, können Sie sich auf den Tipp „keine Tipps“ berufen. Dies gilt auch für den Fall, dass der Tipp aufgeht, denn „keine Tipps“ ist zugleich der erste Tipp. Also, auch wenn sich ein Tipp als nicht zielführend erweist, bleibt zumindest stets die Erkenntnis, dass der Weg zum eigenen Schreiben letztlich ein ganz individueller ist. Die einen brauchen dazu Ruhe, die anderen Hektik. Die einen feilen tagelang an einem Satz, die anderen lassen ihre Blöcke überquellen.

Lesen

Lesen Sie Literatur, ob aktuelle Neuerscheinungen oder Klassisches und Verborgenes aus der Vergangenheit. Freuen Sie sich über Begegnungen mit Texten, die Ihren Schreibvorstellungen entgegenkommen, lassen Sie sich von neuen oder ungewohnten Schreibrichtungen überraschen. Blicken Sie über den Tellerrand der eigenen Sprache und beschäftigen Sie sich mit Literatur aus allen Teilen der Welt. Natürlich kann niemand alles lesen, aber von allem etwas ist besser als nichts. Lesen und Schreiben sind die zwei Seiten der Medaille „Sprache“, zusammengehalten vom Denken und Sprechen. Beschäftigen Sie sich mit unterschiedlichen Textsorten vom Sachtext bis zur Gebrauchsanweisung und betrachten Sie sie auch strukturell: Aus welchen Wörtern und Sätzen bestehen sie? Wie wirken diese Texte auf mich? Wie prägen und beeinflussen sie mich? Welche Vorstellungen von der Welt bauen sie auf?

Beobachten Sie aktuelle Sprachentwicklungen wie die Automatisierung der Textproduktion durch Künstliche Intelligenz und Chatbots. Lassen Sie andere Kunstrichtungen nicht außer Acht: Betrachten Sie Bilder, hören Sie Musik. Widmen Sie sich den Menschen und der Welt. Lesen Sie Häuserzeilen, Blatt-
oberflächen, Gesteinsstrukturen, Wellengänge.

Schreiben

Wer schreibt, schreibt auch dann, wenn er oder sie nicht schreibt. Damit das innerlich Geschriebene auch erinnerlich bleibt, muss es festgehalten werden. Somit gilt: Block und Stift sollten als treue Begleiter in ständiger Griffweite sein. Probieren Sie unterschiedliche Schreibtechniken aus, von der Handschrift bis zum Tippen auf unterschiedlichen Tastaturen. Allein dies verspricht schon eine interessante Reise.

So können bei der Handschrift die von der Schulschrift geprägten Schriftbilder auch mal Richtung visuelle Poesie verlassen werden, das wäre das Asemic Writing, Schreiben mit freier Zeichenfindung und offenen Bedeutungsräumen. Dem wohnt auch viel Meditatives inne, vergleichbar mit der fernöstlichen Kalligrafiekunst. Unterschiedliche Tastaturen bewirken unterschiedliche haptische und ergonomische Schreibgefühle, bei der schon musealen mechanischen Schreibmaschine kommen noch rhythmisch-musikalische Erlebnisse dazu. Lesen Sie Ihre Texte auch laut, bringen Sie sie zum Klingen und stellen Sie fest, wie sie sich anhören. Erproben Sie nicht zuletzt verschiedene Schreibverfahren, etwa das Cut-up, das Zerschneiden und Neuarrangieren des Textes, wie es von den Beat-Autoren Brion Gysin und William S. Burroughs entwickelt und später u. a. von David Bowie und an dieser Stelle auf den ersten Tipp angewandt wurde:

Ausprobieren, ignorieren, letztlich funktionieren. / Ein freundliches Überquellen. / Zumindest erweist sich der Weg stets als Erkenntnis, die mindestens Tipps gibt: Dass Sie an sich und für sich ein Tipp für Sie. / Wenn Sie jemand darauf anspricht, brauchen Sie Ruhe. / Schreiben, literarische Blöcke feilen. / Spannend, individueller, zielführend, ganz richtig. / Dies einem Satz, der nicht als Entgegenkommen gilt, aber anspricht, gar aufgeht. / Anderen bleibt das Ihre zum Denken. / Zwar könnten die einen Ihnen den einen oder anderen Tipp lassen, die anderen achten nicht auf Ihre Tipps, keine, die Sie. / Wenn keine Teile beiseite können, berufen Sie tagelang den eigenen Fall. / Ist der Tipp nicht auch zugleich die Hektik. / Denn er sollte auch nicht schieben. / So oder so, einen Sie. / Ein Tipp dazu ist Schreiben. / Sieden Sie keine Tipps.

Zur Person

Günter Vallaster

Geboren 1968 in Schruns

Tätigkeit Autor, Herausgeber, Literaturvermittler, Schreibpädagoge

Pupikationen „Hinter dem Buchstabenzaun“, „Am Sims“, Beiträge in Anthologien

Die Aufforderung zum Selbstschreiben ist eine Kooperation der Vorarlberger Nachrichten mit Literatur Vorarlberg und dem Theater am Saumarkt, Felkdirch. Foto: Theiler