Zum Frösteln politisch brisantes Theater in Dornbirn

Kultur / 03.04.2021 • 11:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zum Frösteln politisch brisantes Theater in Dornbirn
Jeanne Marie Bertram als Landvermesserin. CARO STARK

Unpop bringt mit “dritte republik” von Thomas Köck Themen auf den Punkt.

Dornbirn Ein Virus, das einiges zum Erliegen bringt und die Problematik des Neoliberalismus in den Fokus rückt, war noch weit weg, als das Stück “dritte republik (eine vermessung)” des oberösterreichischen Autors Thomas Köck im November 2018 in Hamburg uraufgeführt wurde. Auch die Amtsenthebung des Bundeskanzlers, nachdem bekannt wurde, dass Regierungsmitglieder das halbe Land verschachern wollten, erfolgte erst später. Ist das Stück über Grenzvermessungen, Rechtspopulismus, transnationalem Handel sowie die Idee von einem friedlichen Europa aufgrund solcher Ereignisse nun obsolet? Wohl nicht. Nach der österreichischen Erstaufführung im vergangenen Herbst im Schauspielhaus Graz, wo viel imperiales Kolorit samt Maria Theresia hinzukam, reduzierte Regisseur Stephan Kasimir, Leiter des Vorarlberger Ensembles Unpop, das Werk wieder auf sechs Personen, den brisanten politischen Kern und jenes Kafkaeske, das Köck vor dem Vorwurf bewahrt, allzu dozierend zu agieren.

Maria Fliri als pointiert agierender Patient in "dritte republik".
Maria Fliri als pointiert agierender Patient in "dritte republik".

Ausstatterin Caro Stark reicht auf der Bühne des Kulturhauses Dornbirn die Andeutung eines Schneesturms, der den Personen immer wieder die Sicht auf die Welt verwehrt, sowie ein irisierendes Licht. Sofort ist klar, dass die Landvermesserin, die Köck hier anno 1918/19 ausschickt, um kartographisches Material für einen Kontinent zu sichern, dessen politische Eliten sich dazu entschlossen hatten, alles niederzuballern womit die Grenzen neu verlaufen. Dass sie dort nicht ankommt, wo sie hin soll, ist sehr schön bei Kafka geklaut, die Bonmots (“was man sich als junge Frau von alten Männern zwischen zwei Kriegen alles bieten lassen muss”) sitzen und Robert Menasses Europa-Text scheint kurz durch. Einem lustvollen Spiel von Jeanne Marie Bertram als Landvermesserin ist es zu verdanken, dass sich die poetische Sprache sowie die Andeutungen zum Faschismus und Populismus damaliger und heutiger Prägung gut ineinander verzahnen. Auch Details der wirtschaftlichen Folgen der damaligen Aufrüstung muss man nicht kennen, um der Figur des Reeders näher zu kommen. Köck und Kasimir zielen aufs Atmosphärische, das den Bogen über hundert Jahre spannt und das es der Regie ermöglicht, Maria Fliri in ihrer Rolle als Patient mit vergrößerten Ohren in die Nähe der Karikatur zu bugsieren. Die Schauspielerin ist in der Lage, derlei Ideen locker aufzufangen. Auch wenn noch ein Gernot, ein Thomas und für aufmerksame Zuhörer somit ein aktueller Korruptionsskandal genannt wird, sind wir nicht beim Kabarett.

Theater braucht sich nicht zurückzuhalten, wenn Überspitzung mit literarischem Niveau einhergeht und Schauspieler wie weiters Simone Loser, Joachim Rathke und Jens Ole Schmieder das Kunstwerk nie aus dem Blick verlieren.

Weitere Aufführungen von “dritte republik (eine vermessung)” von Thomas Köck am 3., 7., 8 und 9. April, jeweils 18 Uhr, im Kulturhaus Dornbirn: www.unpop.at

<p>Simone Loser als Botin und Joachim Rathke als Reeder.</p>

Simone Loser als Botin und Joachim Rathke als Reeder.