Begegnung mit dem Holobiont, dem Sein

Kultur / 14.04.2021 • 21:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Judith Reichart, Initiatorin und Leiterin des Bregenzer Kulturservice.
Judith Reichart, Initiatorin und Leiterin des Bregenzer Kulturservice.

Im Magazin 4 gibt es wieder kluge Ausstellungen, nun sind Gesamtlebewesen, also Menschen samt Viren, gelandet.

Bregenz Holobiont, dieser Begriff mag für manche zwar noch nicht so leicht einordenbar sein, neu ist er nicht. Die amerikanische Biologin Lynn Margulis (1938-2011) hat ihn bereits vor 40 Jahren geprägt und beschreibt damit (abgeleitet aus den griechischen Wörtern für alles oder ganz sowie Leben oder Sein) ein von der Biosphäre durchdrungenes Gesamtlebewesen. In der ab dem Wochenende zu besuchenden Ausstellung im Magazin 4 in Bregenz, mit der der Raum wieder zu jenem Ort der intellektuellen, künstlerischen und auch politischen Auseinandersetzung wird, als der er einmal weit über die Grenzen bekannt war, liegt der Fokus auf der Tatsache, dass wir mit einer Reihe von Organismen vernetzt sind. Die Störanfälligkeit solcher Systeme oder beispielsweise die Beeinflussung unseres Intellekts und emotionalen Empfindens durch Mikroorganismen ist ein Bereich der Forschung. So wie Wissenschaft und Kunst auf einfacher Ebene, etwa durch die Entwicklung von Farben und Materialien, wie auf komplexere Weise, für die etwa das Universalgenie Leonardo da Vinci steht, immer schon ineinander verzahnt waren, widmen sich auch Künstler diesem Thema.

Ausstellung der Stunde

Mit „Holobiont. Live is other“ fordert Judith Reichart, seit einigen Monaten Leiterin des Bregenzer Kulturservice, ihr Publikum. Doch für jene, die nach Auseinandersetzung lechzen, sowie für jene, die nach einem Jahr mit Virenbeschuss ohnehin einige der hier vertretenen Begrifflichkeiten intus haben, ist es die Ausstellung der Stunde. Kunsthistoriker und Philosoph Thomas Feuerstein, den man auch von einer Ausstellung im Kunstraum Dornbirn kennt, wo er den Menschen mit chemolithoautotrophen Bakterien Respekt einflößte, spricht als einer der Kuratoren zwar von einer Kränkung, die jener gleichkommt, die Kopernikus verursachte, als er bewies, dass die Sonne und nicht die Erde im Zentrum unseres Planetensystems steht. Dass nicht wir die Krone der Schöpfung sind, sondern jene, die nur unter einem Mikroskop sichtbar werden, dürfte aber erstens nur die Egomanen wirklich stören und kann zweitens aus gesellschaftspolitischer Perspektive in einer Zeit der sichtbar gewordenen Entsolidarisierung an sich nicht oft genug wiederholt werden.

Äußerst spannender Bereich

Dass die zahlreichen vertretenen Akteure nicht mit Drohgebärden agieren, sondern auf die Macht der Kunst vertrauen, macht die Schau zum Erlebnis. Dass der Mensch sich ganzheitlich denken sollte, was Judith Reichart als Forderung unterstreicht, nichts und niemanden in den Bereich der Esoterik rückt, ist klar und wird etwa auch von Orlan verdeutlicht. Die Französin schafft Selbstporträts, die die Vielschichtigkeit einer Persönlichkeit verbildlichen. Maja Smrekar spielt nicht nur auf die Mensch-Tier-Hybriden in der antiken Mythologie an, ihr enges Zusammenleben mit Hunden, das auch als feministisches Statement zu lesen ist, mag als wissenschaftliches Experiment etwas befremden, die Beeinflussung biologischer Faktoren durch Gedanken führt in einen äußerst spannenden Bereich. Einen solchen bespielt auch Lucie Strecker, wenn sie aus Stuhlproben von Menschen aus unterschiedlichen soziopolitischen Räumen Mikroben extrahieren ließ. Sie sollen Einfluss auf die mentalen und kognitiven Fähigkeiten jener haben, die sie verwenden. Eine Art Schussapparat steht für den Gebrauch bereit.

„Die Thematik ist faszinierend, der Mensch muss sich viel mehr ganzheitlich denken.“

Lucie Strecker untersucht die Präsenz einer Darm-Hirn-Achse.

Lucie Strecker untersucht die Präsenz einer Darm-Hirn-Achse.

Blick ins Magazin 4 mit einer Arbeit von Maja Smrekar.
Blick ins Magazin 4 mit einer Arbeit von Maja Smrekar.
Installation des dänischen Künstlers Henrik Plenge Jakobsen. VN/Paulitsch
Installation des dänischen Künstlers Henrik Plenge Jakobsen. VN/Paulitsch

Ausstellungseröffnung am 16. April, 15 bis 19 Uhr; geöffnet vom 17. April bis 20. Juni im Magazin 4, Bergmannstraße 6 in Bregenz, Di bis So, 14 bis 18 Uhr.