SOV: Ein Wiedersehen, das Folgen haben sollte

Kultur / 18.04.2021 • 17:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
SOV: Ein Wiedersehen, das Folgen haben sollte
Das Symphonieorchester Vorarlberg unter Leo McFall trat vor den erlaubten 100 Zuhörern in Götzis auf. SOV

Mit einem geschickten Schachzug passte sich das SOV im kleineren Saal den Coronaregeln an.

GÖTZIS Allzu lange, seit zwei Auftritten im August des Vorjahres bei den Bregenzer Festtagen, blieb das Symphonieorchester Vorarlberg stumm, ausgelöst durch die Coronakrise und eine nicht immer einsichtig reagierende Kulturpolitik des Landes. Nun hat der findige SOV-Geschäftsführer Sebastian Hazod, der schon bisher jegliche Unbill der Pandemie mit größter Ruhe wegsteckte, am Wochenende mit einem klugen Schachzug den Bann gebrochen. Er wich den großen Sälen aus, programmierte außer Abonnement unter penibler Einhaltung aller Vorschriften für die erlaubte Besucheranzahl von zwei Mal 100 Personen ein spezielles Konzertprojekt in der kleineren Kulturbühne AmBach und punktete damit auf allen Linien.

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Glücklich waren alle damit: die Musiker, die nach acht Monaten Pause endlich wieder spielen durften, und die treuen Zuhörer, die damit zu ihrem ersehnten Live-Musikerlebnis kamen. Vor allem aber sollte der mit der Saison 2020/21 bestellte Chefdirigent des Orchesters, Leo McFall, endlich Gelegenheit erhalten, in seiner Amtszeit offiziell am Pult seines Orchesters zu debütieren. Nach zwei ersten gemeinsamen Auftritten 2018 waren neun seiner geplanten Konzerte entfallen, zudem mussten drei Termine von Weltklassedirigent Petrenko mit Mahlers „Neunter“ im Zyklus dreimal verschoben werden.

Etwas absolut Tröstliches

Jung, dynamisch, federnd betritt der 40-jährige gebürtige Londoner Leo McFall die Bühne und stellt sofort klar, dass seine Wahl als Chef die einzig richtige war. Mit größtem Ernst und extremer Konzentration nähert er sich mit seinen Musikern Richard Wagners „Siegfried-Idyll“. Es ist eine zeitlose, besser: eine überzeitige, Musik, die mit ihrer schier endlosen Melodie weihevoll jede irdische Schwere überwindet und damit etwas absolut Tröstliches gerade für unsere Zeit besitzt. Es ist eine erste verinnerlichte Begegnung von Dirigent und Orchester, das seit dem letzten Auftritt nichts von seinem Glanz, seiner Klangkultur und Intensität eingebüßt hat. Drei geistliche Arien von Mozart verhelfen auch der international ausgezeichneten Bregenzer Sopranistin Miriam Feuersinger zu ihrem schon lange fälligen SOV-Debüt. Die mittlere mit dem Titel „Tu virginum corona“ wird als kleiner ironischer Seitenhieb auf die bestehende Situation belächelt. Mühelos trägt ihre Stimme, verschwenderisch verströmt sie den Seidenglanz ihres kostbaren Organs, leichtfüßig setzt sie Koloraturen und wird dabei von Dirigent und Orchester in transparenter Mozartbesetzung wie auf Händen getragen.

Voll Lebensfreude

Daraufhin dürfen die Musiker – pardon! – „die Sau rauslassen“, wenn es um Mendelssohns „Italienische“ Symphonie geht, ein temperamentvolles Stück voll Lebensfreude. McFall zeigt sich dabei als englischer Sir von nobler Zurückhaltung, dem die kleine Andeutung und sein ausgeprägter Klanginstinkt weit wichtiger sind als jede eitle Selbstdarstellung. Mendelssohn schwirrt im ersten Satz wie auf Flügeln durch den Saal, die Hörner erheben sich prächtig im dritten, das Feuerwerk des finalen Saltarello hinterlässt Musiker wie Zuhörer fast gleichermaßen atemlos. Ein wunderbares Konzert, rein fachlich-musikalisch, ebenso aber auch bewegend für wohl alle Beteiligten, mit Ovationen, glücklichen Gesichtern und auch dem Bewusstsein der Sicherheit in Coronazeiten. Denn in den vier Wochen der Modellregion Vorarlberg kam es im Kulturbereich bisher zu keinem einzigen Infektionsfall. Sebastian Hazod wollte mit diesem Projekt der zögerlichen Landespolitik Argumentationshilfe für die Einsicht vermitteln, dass unter Einhaltung der bestehenden Sicherheitskonzepte wohl bald auch Konzerte mit deutlich höherer Besucherzahl möglich sein müssten. Fritz Jurmann

Rundfunk-Wiedergabe: 26. April und 3. Mai, 21.03 Uhr, Radio Vorarlberg

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