Wo es eine tolle Begegnung mit einem englischen König gab

Kultur / 18.04.2021 • 16:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wo es eine tolle Begegnung mit einem englischen König gab
Viel Applaus für Shakespeares “Richard II.” in Bregenz, inszeniert von Johan Simons mit dem Ensemble des Wiener Burgtheaters. RUIZ-CRUZ

Wiener Burgtheater lieferte “Richard II.” zu den Bregenzer Festspielen.

Bregenz Shakespeares „Richard II.“, das seltener gespielte Stück aus dem Fundus der Königsdramen, beschert der Theaterstadt Wien kein besonderes Glück. Die Premiere vor zehn Jahren war ein Produkt, dessen Ästhetik man ansah, dass es Claus Peymann bereits ein Jahrzehnt zuvor am Berliner Ensemble offerierte. Neben Bemerkungen, die die Neuinszenierung von Johan Simons nun zeitigen wird, steht es außer Frage, dass das Publikum in Vorarlberg nicht nur einem einmaligen Gastspiel aus Wien mit Wohlwollen begegnet, sondern auch einer Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen den Bregenzer Festspielen und dem Burgtheater mit großem Interesse entgegensieht. Der Grund der überschaubar besetzten Publikumsreihen im Festspielhaus istbekannt: Nur in Vorarlberg sind Aufführungen überhaupt möglich, im zur Modellregion erklärten Bundesland mit einer hoffentlich weiterhin moderaten Zahl von Corona-Neuinfektionen sind die Kultureinrichtungen bis höchstens 20 Uhr für jeweils hundert aktuell negativ getestete Besucher geöffnet. Angesichts der Größe des Raumes und einer Belüftung auf neuestem Stand wird einem ohnehin bewusst, dass in Österreich Bürokratie und faktenorientierte Flexibilität Gegensatzpaare sind.

Glücklich, dass überhaupt etwas möglich ist bzw. dass sich die Landesregierung – vielleicht auch vorausschauend auf die kommende Festspielsaison – durchgesetzt hat, ist man mit FFP2-Maske und in einem Abstand von fünf bis zehn Metern zum nächsten Besucher mit Dramenliteratur und englischer (Königsfamilien-)Geschichte konfrontiert, die fürs erste einmal wohltuend von jenem Gossip-Niveau abweicht, das aus Großbritannien gerade aufs europäische Festland herüberschwappt.

Betonung des Theaterkollektivs

Mit „Richard II.“ hat sich der Niederländer Johan Simons des Dramas eines gestürzten Herrschers angenommen, der als Kindkönig und schließlich Tyrann in der Geschichte Großbritanniens aufscheint. Shakespeare hat Richard zudem bewogen, jenes Gottesgnadentum zu hinterfragen, das sich – im Mittelalter noch stark ausgeprägt – als Symbol bis in die Zeit hielt, als sich die meisten europäischen Staaten dazu entschlossen hatten, ihre Repräsentanten per Wahl zu bestimmen und nicht einem dynastischen Zufall zu überlassen. Was also tun mit diesem Richard, der der Machtgeilheit und dem Intrigantentum seiner Zeit und vor allem seiner Sippe nicht gewachsen war und dem es an Klugheit fehlte, um zu anderen Waffen zu greifen? Simons, in unserer Region aus seiner Intendantenzeit an den Münchner Kammerspielen und durch Inszenierungen in Zürich ein Begriff, wählte zwar die moderne Thomas-Brasch-Übersetzung, die mittlerweile Usus ist, begegnet der Tatsache, dass Shakespeares Königsdramen (etwa die Stücke mit einem Richard oder Heinrich im Titel) schon oft genug konkret politisch aktualisiert wurden, mit der allerdings ebenso schon etwas ausgelaugten Betonung des Theaterkollektivs. Die Akteure sitzen am Rande eines Spielfelds, wählen sich irgendeinen Fetzen aus der Requisitenkammer (Kostüme: Greta Goiris), der die Zeit zwischen damals und heute überbrückt, und machen Shakespeares fein erspürte Psychologie quasi zum Angebot: Such dir aus, was dir gefällt.

Endlich kein Pathos

Und so begegnet uns in Richard ein von Weltschmerz Geplagter, ein Zögernder und ein Herrscher, der mit Bolingbroke, seinem Widersacher, Unterwürfigkeitsspiele treibt. Raubtiergefauche und Zähnefletschen nehmen sich abseits vom Kindertheater nur gut aus, wenn sie als Apercu auszumachen sind, als kurzes Heben der Maske. Als über längere Zeit unterlegter Sound oder immer wiederkehrender Aspekt bereiten sie den Figuren einen Teppich, auf dem die Auseinandersetzung zwar Drive bekommt, der intellektuelle Inhalt der Szenen, etwa jener von Oliver Nägele als Herzog von York und von Martin Schwab als Johan von Gaunt, aber etwas abgeschwächt wird. Als Lichtblick in dieser Aneinanderreihung menschlicher Verfasstheiten erweist sich die Übergabe der Krone. Sarah Viktoria Frick darf als Bolingbroke ihre Meisterschaft im gleichzeitigen Vermitteln von zwei Gegenpolen offenbaren, nämlich die Tragweite des Tuns und die Banalität des Moments. Endlich kein Pathos, dem der als Richard vielschichtig, aber niemals manieriert agierende Jan Bülow dann nicht entkommt, wenn er die Androgynität der Figur in dieser Inszenierung eigens betont. Isabel (Stacyian Jackson) als Antreiberin Richards eine weitere Funktion und mehr Text zu geben, bringt als Sichtweise eine weitere Färbung in das gut zweistündige Spiel, dem dieses Ensemble so viel Dichte verleiht, dass selbst dann kein Leerlauf entsteht, wenn die Akteure jenes Architekturgerüst, das das Bühnenbild von Johannes Schütz bildet, selbst ab- und umbauen müssen. Über weite Strecken funktioniert die Theaterkollektiv-Methode somit noch.

Und wenn hoffentlich bald wieder eine Burgtheater-Crew anreist, erübrigt sich ein weiterer Verweis auf das verdammte Virus, der hier auftaucht, wenn das Angehauchtwerden unter Kontrahenten als Waffe zum Einsatz kommt.

<p class="caption">Szene aus „Richard II.“ von Shakespeare. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="copyright">burgtheater/ruiz-cruz</span></p>

Szene aus „Richard II.“ von Shakespeare.  burgtheater/ruiz-cruz