Christa Dietrich

Kommentar

Christa Dietrich

Modellregion als Impulsgeber

Kultur / 20.04.2021 • 21:05 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Begriff Vorpremiere ist eine ulkige Sache bzw. ein den Mechanismen des Abo-Ticketverkaufs oder der Verlagsrechte geschuldetes Wortkonstrukt. Die erste Aufführung einer Theaterproduktion ist eine Premiere, der Abschluss des Probenverlaufs ist als Generalprobe gekennzeichnet. Dort sind zwar oft ein paar Zuschauer zugelassen, gegebenenfalls auch Aufnahmeteams, wenn die Produktion von TV-Sendern oder Streamingdiensten ausgestrahlt werden soll. Sollten dafür Tickets in den Verkauf kommen, gilt im Allgemeinen nicht der Vollpreis, sondern ein reduzierter Tarif. Wenn das Wiener Burgtheater seine erste Aufführung der Neuinszenierung von „Richard II.“ in Bregenz nun als „Vorpremiere“ bezeichnet hat, dann wohl deshalb, damit das Wiener Publikum, das den Premierentarif bezahlt, nicht den Eindruck hat, sozusagen um sein jus primae noctis geprellt worden zu sein, wenn es die Produktion irgendwann einmal sehen kann. Abgesehen davon sind Aufführungsrechte, die vor allem bei Dramen jüngeren Datums mit einem Verlag zu verhandeln sind, an einen Ort gebunden.

Dass die Vorarlberger keine Premiere wert sind, davon geht hoffentlich niemand aus. Mit dem Schlussapplaus zu „Richard II.“ hat das Publikum schließlich bekundet, höchst begeistert vom Abkommen zwischen dem Wiener Burgtheater und den Bregenzer Festspielen zu sein, die die Möglichkeiten in der Modellregion Vorarlberg dazu nutzten, die Verbindung wieder aufzunehmen, die in den ersten Jahrzehnten des 1946 gegründeten Festivals am Bodensee bestand. Sie kann gerne beibehalten werden. Die Modellregion ist somit auch Impulsgeber. Dass es sich beim Burgtheater um ein Unternehmen der österreichischen Bundestheater handelt, das von allen Bundesländern geschultert wird, darf erneut zum Ausdruck kommen.

Dem Burgtheater, das nicht nur das Haus am Ring, sondern auch kleine Bühnen wie das Akademietheater oder das Kasino bespielt, sowie auch anderen Wiener Unternehmen steht es weiterhin frei, die Befürwortung des Vorarlberger Weges in der Pandemie mit einem Gastspiel zu bekunden. Freilich muss das irgendwie finanziert werden und freilich sind die Auflagen mit strikten Besucherbeschränkungen und Zutrittstestungen hoch. Doch so wie Theater- und Musikfreunde in Vorarlberg zwar sorgenvoll Tag für Tag auf die Bekanntgabe der Infektionszahlen blicken und hoffen, dass in weiten Kreisen der Bevölkerung so viel Vernunft und Respekt vorhanden sind, dass die Distanzregeln eingehalten werden, bringen sie bereits seit einem Monat ihre Freude darüber zum Ausdruck, in der glücklichen Lage zu sein, Theater und Musik live erleben zu dürfen. Das wird bei jedem der Aufführungsbesuche trotz obligatorischer Vermummung mit der FFP2-Maske spürbar.