Gerald Matt

Kommentar

Gerald Matt

Spielboden: alternativ, queer, fleischlos, urban

Kultur / 22.04.2021 • 14:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Neulich kamen zwei sozialdemokratische Urgesteine unter die Räder von zunehmend grassierender Identitätspolitik und Woke-Aktivismus. Gesine Schwan musste sich rechtfertigen, weil sie angeblich eine queere Person schlecht behandelt hatte. Sie hatte die ehemalige Bundespräsidentenkandidatin, die „nicht-binäre“ Lesbe Heinrich Horwitz dreimal mit „Herr“ angesprochen und damit nach seiner Meinung skandalös „misgendert“.

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse argumentierte in einem Aufsatz in der FAZ, dass eine Gesellschaft, die sich nur noch aus unterschiedlichen Gruppen von Diskriminierungsopfern zusammensetze, statt das Gemeinsame zu betonen, vom Zerfall bedroht sei. Thierse warnte weiter: „Die Absolutsetzung des eigenen Betroffenseins, die Vorstellung, ich empfinde mich als Opfer, also habe ich recht, ist mörderisch für eine demokratische Gesprächskultur.“ Dafür wurde er vom Parteivorstand heftig kritisiert.
Die klassische Linke Sahra Wagenknecht opponiert in ihrem neuen Buch „Die Selbstgerechten“ gegen die „sogenannte Identitätspolitik“, in der sie „das Distinktionsbedürfnis kleinbürgerlicher Intellektuellendarsteller und Zeitgeistopportunisten befriedigt“ sieht und hält fest, dass „anstelle des Ideals des mündigen, aufgeklärten, selbstbestimmten Staatsbürgers die religiöse, sexuelle und ethnische Zugehörigkeit über alles gestellt werde.“ Die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft, die Klassenfrage, werde jedoch völlig ignoriert.

Fanatiker erheben reine Symbolpolitik über die Niederungen ernsthafter Realpolitik.“

Der grassierende „Wokeismus“ mit seiner neurotischen Fixierung auf „Race und Gender“ hat nichts mehr mit den Sorgen und Anliegen der Menschen zu tun. Seine meist universitär abgesicherten Fanatiker erheben reine Symbolpolitik über die Niederungen ernsthafter Realpolitik, in der es etwa um gleiche Löhne unabhängig von Geschlecht oder Herkunft geht und nicht darum, ob man in Zukunft statt eines Gastes eine „Gästin“ einzuladen hat.
In diesem Zusammenhang kam mir neulich auch eine Anzeige des Dornbirner Spielbodens unter, in der ein/e Bereichsleiter-Stern-in für die Kantine gesucht wird, der/die nur „im besten Fall“ gastronomische Erfahrung haben soll, den/die aber Begriffe wie „alternativ, queer, fleischlos und urban“ jedenfalls ansprechen sollen. Das klingt wie bei den alten konfessionellen Krankenanstalten, die Anstellungen vom Religionsbekenntnis abhängig machten. Gehts noch? Gefordert wäre wohl – „in jedem Fall“ – eine Person mit kaufmännischer und gastronomischer Erfahrung, nicht ein „Buddy-Stern-Buddyin“ für den öffentlich subventionierten „PC Kindergarten.“

Apropos: Wenn Sprache das Bewusstsein verändern würde, wäre die Türkei das Land der Frauengleichstellung. Die türkische Sprache hat kein Genus, also keine grammatikalische Geschlechtsmarkierung.

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.