Manege frei für Hannah Arendt

Kultur / 25.04.2021 • 16:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Manege frei für Hannah Arendt
Das Theaterensemble schafft es, die Frau hinter dem Denken erahnbar werden zu lassen. SARAH MISTURA

Mit einer Zirkusnummer voll Poesie begegnet man Hannah Arendt bei Brigitte Walk.

FELDKIRCH Schon der Ort passt bestens zum Gesamtgefüge. War und ist doch das Alte Hallenbad im Feldkircher Reichenfeld schon Schauplatz von so manchem Spektakel. Jetzt ist dort ein angedeuteter Zirkus zu bestaunen, wobei der das Spektakuläre der Gedankenwelt Hannah Arendts ebenso anklingen lässt wie auch die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts, die aus der Distanz der Zuschauerränge ihre verzerrten Fratzen noch einmal deutlicher erkennen lassen. Und natürlich sind mit dem Zirkusrund, in dem Brigitte Walk für das Stück „Hannah Arendt. Ohne Geländer“ ihre Figuren agieren lässt, auch das Spiel der vielen Masken, das Schauspiel und die Rollen, die uns das Leben zuweist, angedeutet. In dieses Koordinatensystem setzt Brigitte Walk nun mit einer ganz großartigen Helga Pedross die Denkerin und Theoretikerin Hannah Arendt. Geboren in Deutschland, als Jüdin aus Europa geflüchtet, staatenlos und schließlich leidenschaftliche Amerikanerin, durchdachte Hannah Arendt die Mechanismen der Politik, der Herrschaften, der Macht – angetrieben von dem einen unbedingten Wunsch, verstehen zu wollen. Begleitet wird sie bei Brigitte Walk von einem Clown – in Person von Suat Ünaldi – und einem „Hofstaat“ an komischen und grotesken Zirkusfiguren. Suat Ünaldi dient Helga Pedross dabei als Sparringpartner im Entwickeln der Arendt’schen Theorien, als verzerrte Projektionsfläche. Das eröffnet im Stück eine weitere Perspektive und sorgt für zusätzlichen Schwung auf der Gedankenschaukel.

Alles fügt sich wie aus einem Guss zu einem großen Ganzen: Die Gedankenwelt Arendts, die sich an der Realität teilweise auch grausam bricht; die Schönheit der Reden, die sich dann in der poetisch-lyrischen Körpersprache, für deren Konzeption die Tänzerinnen Marina Rützler, Sina Nikolaus und Silvia Salzmann verantwortlich zeichneten, wiederfand. Der Wermutstropfen an der Sache: Silvia Salzmann hatte sich bei einer der letzten Proben einen Knochenbruch zugezogen und erlebte die Premiere so „nur“ vom Zuschauerraum aus.

Um zu ahnen, dass die Reflexion des Eichmann-Prozesses, für den Hannah Arendt berichtenderweise nach Israel reiste, einer der Höhepunkte des Stücks sein wird, bedurfte es keines Blicks in die Kristallkugel. Gerade in diesem Kapitel bewies die Crew um Brigitte Walk absolutes Feingefühl. Hannah Arendt hatte mit ihrem Bericht über Adolf Eichmann einst heftige Debatten ausgelöst. Zu lesen, mit welcher Akribie Eichmann die Fahrpläne der Züge in die Konzentrationslager koordinierte, was es dabei alles zu beachten gab, wie er nicht nur für den reibungslosen Ablauf zu sorgen hatte – das alles zeigte für Hannah Arendt, wie banal die Maschinerie hinter dem Extrem des Bösen im Grunde genommen war. Der Prozess um Adolf Eichmann jährt sich heuer übrigens zum 60. Mal.

Beklemmend und düster setzt Walk hier die Worte Arendts in die bunten Lichter der Zirkusmanege im Alten Hallenbad. Berührend dann das große Finale, in dem der Schimmer des Daseins an sich zu leuchten beginnt, den Helga Pedross mit Hannah Arendt von der Ewigkeit der Zeit umarmt sieht.

Was Brigitte Walk mit ihrem Team hier gelingt, ist beachtlich. Sie schaffen es, die Frau hinter dem Denken erahnbar werden zu lassen. Nicht indem sie den Versuch unternehmen, Arendts Leben Schritt für Schritt zu fassen, sondern indem sie die großen Kapitel ihrer Theorien zu Szenen verdichten. „Ohne Geländer“ lautet der Untertitel des Theaterprojekts. Er trifft. Weder Hannah Arendt noch Brigitte Walk schützen ihr Gegenüber davor zu stürzen. Wer denkt, wer sich auf das Abenteuer des Verstehen-Wollens einlässt, der kann fallen. Hannah Arendt geht dieses Risiko ein. Brigitte Walk greift mit ihrem Team diesen Faden auf und verwebt ihn weiter. Es ist schön, wieder Theater erleben zu können – besonders wenn es von dieser Qualität ist. Veronika Fehle

Weitere Aufführungen am 27. / 28. / 30. April sowie am 1. Mai um 18 Uhr und am 2. Mai um 11 Uhr, Altes Hallenbad in Feldkirch. Dauer: 1,5 Stunden, ohne Pause.