Mit bestens platziertem Ibiza-Fall

Kultur / 30.05.2021 • 21:32 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit einer Satire war zu rechnen. Sie hat hier sehr viel Biss.

Mit einer Satire war zu rechnen. Sie hat hier sehr viel Biss.

„Die Vögel“ von Aristophanes erhalten am Vorarlberger Landestheater treffende Schärfe und Dynamik.

Bregenz Kulturaffine Vorarlberger haben „Die Vögel“ von Aristophanes weitgehend intus. Der antike Klassiker zählte in der musikalischen Fassung von Gerold Amann auf der Burgruine von Schlins zwei Saisonen lang zum begehrten Event. Mit Ibiza verbinden mittlerweile wohl alle Wahlberechtigten nicht nur eine hippe Sonneninsel im Mittelmeer, sondern ein weniger chilliges Ereignis, das in Österreich zum Rausschmiss der Regierungsriege und zu Einblicken in politische Mechanismen jenseits der Moral führte, in deren Rahmen sich immer noch weitere ungustiöse Facetten zeigen. Wer sich zudem in den letzten 25 Jahren die Auseinandersetzung mit der Bühnenästhetik außerhalb der Region gönnte – wobei eher Berlin und nicht so sehr Wien gemeint ist -, der kennt somit die Ingredienzien, aus denen sich die nun gezeigte Inszenierung von Johannes Lepper am Vorarlberger Landestheater zusammensetzt.

Heuchelei und Eitelkeit

Mit seiner 414 v. Chr. uraufgeführten Komödie verfolgte Aristophanes die Bloßstellung der Methoden von Mächtigen sowie die Naivität derer, die ihnen zum Ziel verhalfen. Als Mittel war so ziemlich alles erlaubt, eine Begegnung mit dem Werk führt – egal wie frei mit dem ursprünglichen Text umgegangen wird – stets zur Erkenntnis, dass bis vor einigen Jahrzehnten in Mitteleuropa wohl die Zensurbehörde tätig geworden wäre, während schon vor knapp zweieinhalbtausend Jahren in Griechenland weitgehende schriftstellerische Freiheit gegolten hatte. Wer sich heutzutage dieser Komödie annimmt, profitiert insofern davon, dass die Möglichkeiten zur Ausschöpfung der Handlung rund um den eigentlichen Plot vielfältig sind. Nur Langeweile sollte sich nicht einstellen, wenn Peisthetairos und Euelpides aus Athen wegziehen, um – voller Eigennutz – mit den Vögeln einen utopischen Staat, ein Wolkenkuckucksheim zu gründen, das die Götter wie die Menschen in Schach halten soll. Johannes Lepper, der auch für die Bühne verantwortlich zeichnet, läuft jedenfalls nicht Gefahr, das Publikum zu ermüden. Sein von Sabine Wegmann schillernd kostümiertes Federvolk ist auch keine Masse von allzu leichtgläubigen Tölpeln, die Machtübernahme erfolgt über perfid formulierte Versprechungen und ist schon deshalb nicht einspurig, weil die Schauspieler in mehrere Rollen zu schlüpfen haben. Wer in der Lage ist, die singende und tanzende Personage dabei dennoch aufzugliedern, beraubt sich im Übrigen nicht des Vergnügens. Zwischen Chansons oder allseits bekannten Nummern von Kurt Weill, Tschaikowsky und Richard Wagner tritt so viel Heuchelei, Dummheit, Chauvinismus und Eitelkeit zutage, dass das Treiben zwei Stunden lang in Fahrt bleibt.

Aus dem Effeff

Dass die Ibiza-Nummer, die rasch platt und peinlich werden könnte, hier absolut unaufgesetzt bzw. sogar gut platziert wirkt, ist der Dynamik zu verdanken, die das auch musikalisch überzeugende Team mit Sebastian Schulze, David Kopp, Zoe Hutmacher, Vivienne Causemann und Rahel Jankowski um den großartigen Raphael Rubino als Peisthetairos aus dem Effeff beherrscht. „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selbst“ heißt es, entliehen von Brecht, irgendwann einmal. Oft vernommen, ist es leider immer noch so, und oft verwendet ist die Aufforderung zur Reflexion vor allem dann gegeben, wenn eine Inszenierung dabei nicht zur Parabel verkommt. „Die Vögel“ am Landestheater sind weit davon entfernt, und im Übrigen sind auch die Verweise auf einen lästigen Sexismus bestens eingestreut. Das heftig applaudierende Publikum im laut Corona-Vorschriften nun etwas besser besetzten Theater dürfte sie erkannt haben.

Für die Gesangs- und Tanzeinlagen gab es Zwischenapplaus.

Für die Gesangs- und Tanzeinlagen gab es Zwischenapplaus.

Die antike Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes wird am Vorarlberger Landestheater mit viel Musik, Showeffekten und Anspielungen auf die Politik umgesetzt. LT/Köhler
Die antike Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes wird am Vorarlberger Landestheater mit viel Musik, Showeffekten und Anspielungen auf die Politik umgesetzt. LT/Köhler

Weitere Aufführungen von “Die Vögel” am Bregenzer Kornmarkt ab 1. Juni. Nächste Premiere “Ich seid bereits eingeschifft” am 4. Juni: landestheater.org