Junge Musiker und Brisanz bis in die Fingerspitzen

Kultur / 10.07.2021 • 10:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Junge Musiker und Brisanz bis in die Fingerspitzen
Die Camerata Musica Reno wurde von Tobias Grabher erst heuer gegründet. STIPLOVSEK

Die Camerata Musica Reno, ein Ensemble junger Vorarlberger Musiker, leistet musikhistorisch Großartiges.

Bregenz Dass sich Stefan Zweig (1881-1942), der Schriftsteller mit Wurzeln im jüdischen Hohenems, und der Komponist Richard Strauss (1864-1949) im Jahr 1935 ausgerechnet in Bregenz trafen, um die Tatsache zu erörtern, dass der Librettist der Oper „Die schweigsame Frau“ unter nationalsozialistischer Herrschaft zur Unperson und schließlich zum Verfolgten wurde, eine andere Haltung einnahm als jene Ambivalenz zur Diktatur, die beim Komponisten zum Ausdruck kam, verlieh jenem Konzert-Text-Projekt eine besondere Verankerung, das am Freitagabend im Theater Kosmos erstmals aufgeführt wurde. Die Akteure sind Musikerinnen und Musiker jener Camerata Musica Reno, die heuer vom jungen Vorarlberger Dirigenten Tobias Grabher mit dem Ziel gegründet wurde, Literatur zu erarbeiten, die das Angebot in der Region und die Erfahrung der Instrumentalisten ergänzt. Dass das Publikum Interesse und Gefallen daran findet, zeigte sich schon beim ersten Auftritt mit Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ Anfang April, in den Zuhörerreihen, die nun wieder voll besetzt sein dürfen, herrschte aber auch jetzt Zustimmung. Mit einer weiteren Aufführung am Samstag hat man die Nachfrage sicher nicht überschätzt.

Richard Strauss mag freilich als allgemein eingängig gelten, die Orchestersuite „Der Bürger als Edelmann“ ist dennoch eine Delikatesse, die von den Interpreten Vielseitigkeit und vom Publikum sehr offene Ohren verlangt. Rasch besteht die Gefahr, dass die einzelnen Teile zum Einheitsbrei werden, entfalten sie doch nur dann ihre suggestive Kraft, wenn es möglich ist, den Bogen zurück ins 17. und 18. Jahrhundert exakt herauszuhören. Tobias Grabher hat sich viel aufgeladen und hat mit den jeweils zwischen den Teilen vorgetragenen Texten vielleicht auch eine fragwürdige Entscheidung getroffen. Aber er hat nicht nur ein hochmotiviertes Ensemble gut in der Hand, sondern ein Team um David Kessler (Violine), Fridolin Schöbi (Bratsche) Laura Moosbrugger (Flöte) oder Johanna Bilgeri (Fagott), dessen Energie und Konzentration spürbar, das heißt, direkt greifbar wird. Die jungen Leute sind zum Teil gerade im Begriff zu größeren Engagements zu kommen.

Wer das nicht weiß, hat vielleicht trotzdem mitgefiebert. Brisanz lag in der Luft und die war nicht nur dem Briefwechsel zwischen Strauss und Zweig geschuldet, mit dem Hubert Dragaschnig und Sabine Lorenz neben weiteren Texten als Rezitatoren die schwierige Situation von Künstlern in einem totalitären Regime zum Ausdruck brachten. Während Strauss die Freiheit des Künstlers dahingehend interpretiert, dass Gegnerschaft nichts bringt und sich damit in Anbiederung verstrickt, lehnt Zweig auch jene geheime Duldung ab, die ihm eventuell aufgrund seiner Position widerfahren wäre, während jüdische Kollegen verfolgt und ermordet wurden.

Ein Streichsextett aus „Capriccio“, jener Oper von Strauss, die Zweig vor seiner Flucht ins Exil noch angeregt hatte, an den Schluss zu stellen, ist dramaturgisch überlegt. Während die als Intro gewählte kleine Streicherserenade, ein Jugendwerk, reizvolle Tempi zeigt, ergießt sich am Schluss die Schönheit eines Klangbildes, in dem individuell-solistische Farben zur Wirkung kommen. Ein musikalisch wie musikhistorisch anregendes Projekt erzeugt ebenso Begeisterung wie Nachdenklichkeit.

Weitere Aufführung der Produktion am 10. Juli, 19 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz (Mariahilferstr. 29): theaterkosmos.at