Wo der Berg und die Kunst rufen

Kultur / 10.07.2021 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wo der Berg und die Kunst rufen
Andy Miketa bezieht sich auf einen Heimatfilm. KOLLER

Ein schwindelerregender Mix aus zeitgenössischer Kunst, das ist der Höhenkoller unter der Pfänderspitze.

Bregenz Wen der Berg ruft und wer alpine Gipfel erstürmt, der kann schon einmal in Höhenrausch geraten. Das ist gleichzeitig Ziel und Motto der heurigen Freilichtausstellung „Hor(s)t der Kunst“, die unter der Pfänderspitze zu sehen ist. 15 heimische Künstlerinnen und Künstler zeigen Werke zum Thema „Höhenkoller“ in den zu Ausstellungskojen umfunktionierten Volieren der ehemaligen Adlerwarte und bieten dem Besucher bei spektakulärem Blick auf den See einen ebenso amüsanten wie schwindelerregenden Mix aus zeitgenössischer Kunst und Naturerlebnis. Kurator Gregor Koller will die Kunst zu den Menschen bringen „dorthin, wo sie Urlaub und Muße haben“. Das diesjährige Thema der Ausstellung, die bereits zum 6. Mal in Folge stattfindet, ist dem Künstler Koller namentlich auf den Leib geschrieben; nicht zuletzt deshalb ist er diesmal gleich mit mehreren Arbeiten vertreten.

Arbeit von Isabel Sandner. <span class="copyright">koller</span>
Arbeit von Isabel Sandner. koller

In seinem sehr persönlichen „Höhenkollerrraum“ präsentiert er sich unbekleidet im Selbstporträt, am rechten Oberschenkel steht „Kraft der Berge“ geschrieben, wohl stellvertretend für die in beeindruckender Größe dargestellte Mannespotenz. Ein kräftiger Einstieg, der gut ankomme. Ebenfalls im Kollerraum befindet sich eine während des Lockdowns gemalte Serie von Bildern mit Stoffbären-Motiv, es seien „nicht geglückte Kopien“ seiner ersten Kinderzeichnung, die beweisen, dass die Freiheit und Kreativität der Kindheit im Alter unerreicht bleiben.

Arbeiten von Werner Geiger und Gregor Koller.<span class="copyright">Koller</span>
Arbeiten von Werner Geiger und Gregor Koller.Koller

Ein Raum der anderen Art ist der von Andy Miketa entworfene „Hochsicherheitstrakt C19 – Parzelle Pfänder“, ein spartanisch eingerichtetes Corona-Gefängnis am Berg, das die Isolation während der Pandemie, aber auch den Wahnsinn von Krieg, Unterdrückung und Haft thematisiert. Aufmunternd humorvoll hingegen ist die ebenfalls von Miketa aufs Dach einer Voliere platzierte „Fischerin vom Bodensee“, eine Puppe im Minirock mit Fisch und Angel und im Wind wehenden Haaren, frei nach dem gleichnamigen Film, der 1956 am Bodensee gedreht wurde.

Um Fische geht es auch in Christof Gantners Beitrag. Er zeigt eine sichtlich zornige, weil Zähne zeigende Forelle in schäumendem Gewässer. Isabel Sandner hat für die Ausstellung mehrere ihrer Werke aufgegriffen und thematisch adaptiert, u. a. eine SW-Fotografie, die die beiden britischen Bergsteiger (und potenziellen Erstbesteiger des Mount Everest) George Mallory und Andrew Irvine vermutlich kurz vor ihrem Tod am 8. Juni 1924 zusammen mit anderen Kollegen vor einem Expeditionszelt zeigt. In Sandners Bearbeitung des Fotos stellt sie letzteren mit der „Morgenröte“ und dem „David“ zwei Figuren Michelangelos zur Seite und verdeutlicht damit die Felsverwandtschaft zwischen Bergsteiger und Bildhauer.

Etablierte Namen

Wie schon in den letzten Jahren finden sich auch etablierte Namen wie Gottfried Bechtold, Alexandra Wacker und Heinz Greissing unter den Künstlern. Bechtold bringt in einer Foto-Arbeit die Mumien aus der Gruft Palermos in die luftigen Höhen und verweist mit einem aus Polstern auf den Boden gezeichneten Kreuz auf den allgegenwärtigen Tod – oder aber auch auf den Gipfel als ersehntes Lebensziel. Der letztes Jahr verstorbene Maler Heinz Greissing ist posthum mit zwei Arbeiten vertreten: einerseits die Abbildung eines schroffen, schwarzen Berges als Metapher für Leblosigkeit und Isolation, andererseits ein rankendichter üppiger Blumengarten als Symbol für ewiges Wachstum und Leben, in der für ihn typischen Streifentechnik gemalt.

Berglandschaft von Alexandra Wacker. <span class="copyright">Koller</span>
Berglandschaft von Alexandra Wacker. Koller

Alexandra Wacker zeigt mit ihrem virtuos geführten Kohlestift eine für sie charakteristisch in Schwarz-Weiß gehaltene Berglandschaft, deren Gipfel wie in Mondlicht getaucht erscheinen.

Verweis von Stoph Sauter. <span class="copyright">Koller</span>
Verweis von Stoph Sauter. Koller

Eine weitere Voliere beherbergt die Arbeiten von Christoph Lissy zum Beethovenjahr 2020. Als Nachwuchskünstler sorgen Markus Dehne und Phillip Möller für frischen Wind. In ihrer Serie „Altitude Sickness“ visualisieren sie in computeranimierten Bildern die multiplen Symptome der Höhenkrankheit wie Halluzination, Euphorie, Verwirrung oder Taumel. Als wiederkehrendes Motiv finden sich in der Mitte gespiegelte Berge, organische Materialien (Moos, Stein) treffen auf anorganische (Metall, Epoxidharz). Ebenfalls zu sehen sind Arbeiten von Josef Wurm, Edgar Lessing, Manfred Egender, Sabine Lingenhöle-Rainer und Werner Geiger. Wer nach dem Besuch dem Höhenkoller anheimgefallen ist, kann sich an Stoph Sauters Wegweiser mit der Aufschrift „UNTEN“ orientieren. Die berauschende Kraft der Berge und die Inspiration der Kunst mögen den Besucher aber bis ins Tal begleiten. Anna Greissing

Geöffnet noch bis 31. Juli bei gutem Wetter täglich von 10.30 bis 15 Uhr auf dem Gelände des Alpenwildparks unter der Pfänderspitze.