Schnitzlers Begierdenklassiker wurde in die Gegenwart übertragen

Kultur / 11.07.2021 • 21:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Schnitzlers Begierdenklassiker wurde in die Gegenwart übertragen
Szene aus „Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit“ von Roland Schimmelpfennig nach Arthur Schnitzler. SCHAUSPIEL STUTTGART/KATRIN RIBBE

Arthur Schnitzlers berühmter “Reigen” erfährt durch Roland Schimmelpfennig eine starke Fortschreibung

Stuttgart, Bregenz Arthur Schnitzlers „Der Reigen“, im Jahr 1900 veröffentlicht und 1920 unter viel Skandalgeschrei uraufgeführt, diese präzise, schonungslose Abhandlung sexueller Begierden im Kontext von Machtstrukturen, kann nach jahrzehntelangen Verboten längst gespielt werden. Nachdem sich Frauen mittlerweile gottlob und gegen alle Widerstände emanzipiert haben, ergibt die klassische Fassung mit dem naiven süßen Mädel und der Ehefrau, die Unerfahrenheit vortäuschen muss, allerdings ein sehr nostalgisches Bild.

Der Österreicher Werner Schwab hat sich einmal mit Zuspitzungen darüber hinweggesetzt und der Komponist Bernhard Lang hat vor wenigen Jahren mit Michael Sturminger (Libretto) eine brauchbare Oper verfasst, die auch bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt wurde.

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SCHAUSPIEL STUTTGART/KATRIN RIBBE

Nun reiht sich der deutsche Autor und Dramatiker Roland Schimmelpfennig in die Schnitzler-Bearbeitungen. Sicher mit einigem Nachhall wie die im Großen und Ganzen sehr überzeugende Uraufführung der „Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit“ nun am Schauspielhaus Stuttgart gezeigt hat. Die Titeladaptierung ist gerechtfertigt, Schimmelpfennig holt weit aus, zeigt etwa im Soldaten einen jungen Mann, der nach der schnellen Nummer letztlich doch noch Empathie entwickelt, und im Zimmer- statt Stubenmädchen eine junge Frau, die nach dem keinesfalls einvernehmlichen Sex mit ihrem Vorgesetzten den Übergriff zur Anzeige bringt. Die Ehefrau kennt ihre Bedürfnisse und stellt entsprechende Forderungen, ein junges Mädchen ist dem um einiges älteren Ehemann, mit dem sie sich vergnügt, absolut ebenbürtig. Berührend wird ihre Einsamkeit und auch die Perspektivlosigkeit einer Generation gezeigt, die Freiheit nicht mehr zu definieren vermag. Ein Hotelzimmer folgenlos verwüsten – war es das schon?

Tolles Ensemble, einige Klischees

Durchhänger ergeben sich bei der Skizzierung der Schauspielerin und des Drehbuchautors, beim Produzenten, der seine Macht uneingeschränkt ausüben kann, tappen der Autor wie die Regisseurin Tina Lanik in die Klischeefalle. Die Zeit vor der #metoo-Debatte kabarettistisch zu überhöhen, enthält zwar einige Pointen, den unterleibgesteuerten Boss der Lächerlichkeit preiszugeben, dürfte aber nicht reichen. Das passt nicht unbedingt ins prägnante Bild, das Schimmelpfennig zu zeichnen vermag und das Lanik mit einem großartigen Ensemble, in dem Schauspielerinnen wie Celina Rongen, Paula Skorupa und Katharina Hauter enormen Eindruck hinterlassen, ebenso schnörkellos zeichnet. Und das Ende ist angesichts des Schnitzlerschen Totentanzthemas etwas verschenkt. Dem jubelnden Premierenpublikum, das – in Deutschland noch – mit sehr viel Abstand und Maske im Haus saß, ist offenbar nichts abgegangen. Es ist anzunehmen, dass das Stück nach dem Klassiker des großen österreichischen Autors auch hierzulande ankommt.