Ein klingender und berührender Flug ins All

Kultur / 15.07.2021 • 22:55 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ein klingender und berührender Flug ins All
Die zeitbasierten Arbeiten von Anri Sala entwickeln sich aus dem Empathie berücksichtigenden Beziehungsnetz zwischen Klang, Bild und Architektur.   VN/STEURER

Das Kunsthaus Bregenz zeigt mit Anri Sala wieder das, wofür es international renommiert ist.

Bregenz Auf der Biennale in Venedig sorgte er vor Jahren für lange Warteschlangen. Besucher, die sich vor dem einmal für den französischen Beitrag reservierten deutschen Pavillon einreihten, begehrten kein Spektakel, eine Videoinstallation zeigte zwei linke Hände beim Spielen eines Stücks von Maurice Ravel. Er hatte es für den Kriegsinvaliden Paul Wittgenstein geschrieben. Der asynchrone Verlauf von Bildern und Klängen sowie der historische Kontext stehen thematisch im Bezug zu einer Arbeit, die Anri Sala nun im Kunsthaus Bregenz realisiert, die das gesamte Gebäude zum Instrument macht und ein Erlebnis bietet, das sich je nach Willen zur Erkundung des komplexen, thematischen Hintergrundes steigern lässt.

Cinemascopeformat hat der Videoschirm im obersten Stockwerk, auf dem sich ein Plattenspieler in einer menschenleeren Raumstation dreht. Gespielt wird das „Quartett für das Ende der Zeit“, ein Stück mit außergewöhnlicher Instrumentierung, das Olivier Messiaen in einem Kriegsgefangenenlager komponierte. Die auf die Rillen klopfende Plattennadel verändert das melancholische Klangbild, ohne dass sich daraus eine Struktur ergäbe und schärft die Sinne hinsichtlich des Parts der Klarinette, die Sala im Projekt „Time No Longer“ mit dem Saxophonstück ergänzt, das der Astronaut Ronald McNair bei jenem Challenger-Flug spielen wollte, der kurz nach dem Start in einer Katastrophe endete. Der Raum darunter, betitelt mit „Day Still Night Again“, bildet quasi den Sockel. Eine Aufnahme der gesamten Wandfläche wird im Mapping-Verfahren auf die Wände projiziert, wobei die Partitur den Wechsel von Schärfe zu Unschärfe der Projektion steuert. Eine tiefgreifende Erfahrung. Auf die Architektur von Peter Zumthor sowie der Ästhetik des Gebäudes haben schon viele Künstlerinnen und Künstler reagiert, Anri Sala zählt zu jenen, die dabei dem Perfektionismus des Schweizer Architekten standhalten können.

Im Treppenhaus setzen Lautsprecher und eine Stimme die Membran einer Trommel in Bewegung. Wären die Worte zu vernehmen, so hörte man die Namen von Menschen mit Albinismus, die nicht etwa vor Jahrhunderten, sondern noch in unmittelbarer Gegenwart Opfer eines grausamen Ausstoßungsverfahrens wurden. Politik, aber auch die Evolutionsgeschichte schwingen bei der Aufnahme dieser Arbeiten mit. Es wäre ja gewiss nicht falsch, an Kubricks „Odyssee im Weltraum“ zu denken, das Setting, wie auch die Verwendung der Musik lassen es zu.

Auch das Phänomen Zeit spielt hier wie dort eine Rolle. „If and Only If“ zählt zwar nicht zu den eigens für das KUB geschaffenen Arbeiten, das Zusammenspiel eines Bratschisten mit einer sich auf dem Bogen bewegenden Schnecke beim Intonieren von Strawinskys „Elegie für Viola solo“ fügt sich jedoch nahtlos in die gesamte Installation wie jene Zeichnungen von Ländern, deren Umrisse alten Stichen von Tieren angepasst sind. Folgerichtig verdichtet die Arbeit mit einer modifizierten Tapetenwalze vor einer Betonwand im Erdgeschoss die Thematik des klingenden Hauses.

Dass die Bregenzer Festspiele mit der Uraufführung einer Oper des Vorarlbergers Alexander Moosbrugger hier an ein paar Abenden noch einen Klangraum hinzufügen, beweist das ausgeklügelte Kooperationsabkommen beider Unternehmen. Das Kunsthaus hat seinen Part jedenfalls bestens erfüllt.

Eröffnung der Ausstellung mit Arbeiten von Anri Sala im Kunsthaus Bregenz am 16. Juli, 15 bis 20 Uhr. Geöffnet bis 10. Oktober, Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

Anri Sala

Geboren 1974 in Tirana

Ausbildung Studium in Tirana, Paris und Tourcoing

Werdegang Einzelausstellungen im Centro Botín, Santander, im Castello di Rivoli, Turin, in der Marian Goodman Gallery, New York, im Tamayo Museum, Mexico-Stadt, im New Museum, New York, im Haus der Kunst, München, im Centre Pompidou, Paris, in der Serpentine Gallery, London; Vertreten auf den Biennalen in Venedig, auf der documenta in Kassel, bei der Berlin Biennale etc.

Wohnort Berlin