Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Viel Größe im Einfachen

Kultur / 16.07.2021 • 22:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war im Jahre 1115, als Bernhard mit dreizehn Mönchen mitten in der sumpfigen Wildnis von Clairvaux in der Provence ein neues Kloster gründete, dem er als Abt vorstand und dessen Namen (aus dem Lateinischen: Clara vallis – lichtes Tal) er annahm: Bernhard von Clairvaux. Bernhard wollte die benediktinischen Regeln zu ihrem Ursprung zurückführen, denn der Orden der Benediktiner erfüllte sie seiner Meinung nach nicht mehr. Vor allem das große, reiche und mächtige Kloster Cluny in Burgund war für ihn der Inbegriff für den Abfall von der ursprünglichen Idee des „ora et labora“ des Benedikt von Nursia. Das war die Geburtsstunde der Zisterzienser. Um 1150 gründete eine Gruppe von Mönchen in einem abgelegenen Wald auf der Strecke zwischen Cannes und Aix-en-Provence das Kloster Le Thoronet, das heute zu den am besten erhaltenen und interessantesten Zisterzienser-Bauten gehört.

Es ist unglaublich, was diese Anlage mit einem anstellen kann. Man tritt ein – und die Ruhe, die dieses Kloster noch immer verbreitet, scheint überzuspringen. Zisterziensischer Geist wird – obwohl das Kloster seit mehr als 200 Jahren aufgelassen ist – fast körperlich spürbar. Kein Zierrat, keine Pracht, keine Protzerei, auch nicht und schon gar nicht in der Kirche, die nur durch ihren Raum, ihre Schlichtheit und nicht zuletzt die großartige Akustik beeindruckt. Es gibt ein Buch zu dieser Anlage, geschrieben von Fernand Pouillon („Singende Steine“, dtv), einem französischen Architekten mit tragischer Geschichte. Er war in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in einen Finanzskandal verwickelt, in der Untersuchungshaft schrieb er das Buch über die Baugeschichte von Le Thoronet, später wurde er freigesprochen und verbrachte seinen Lebensabend als Architekt in Algier. Es ist ein großartiges Buch, das die Geschichte der unter fast unmenschlichen Entbehrungen der Mönche errichteten Klosteranlage romanhaft erzählt.

Natürlich sucht man nach Vergleichen, nach Klöstern, die man in ähnlicher Form kennt. Und da kommt einem als erstes das Kloster auf der Insel Reichenau in den Sinn, in dem um 820 ein Klosterplan für ein ideales (Benediktiner-)Kloster gezeichnet wurde, der heute in der Stiftsbibliothek St. Gallen verwahrt wird. Und genau nach diesem Plan errichten seit etwa zehn Jahren Freiwillige mit ausschließlich jenen Mitteln, die den Mönchen im Mittelalter zur Verfügung standen, in der Nähe von Messkirch in Baden-Württemberg ein Kloster. Zeit spielt keine Rolle – irgendwann wird es fertig sein. Und dann können wir sehen, wie ein Kloster damals tatsächlich ausgesehen hat. Bis dahin kann man auch die Baustelle besichtigen.

„Es ist ein großartiges Buch, das die Geschichte der unter fast unmenschlichen Entbehrungen der Mönche errichteten Klosteranlage romanhaft erzählt.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.