Wie luxuriös das alles ist

Kultur / 16.07.2021 • 19:22 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Wie luxuriös das alles ist

Briefe – eine untergegangene Spezies ruft sich in Erinnerung.

BRIEFWECHSEL Es wird (allzu)viel darüber geredet, spekuliert und gestritten, welche Folgen die neuen Medien, vor allem die sozialen, die neuen Kommunikationsformen, vor allem die Mobiltelefonie, zeitigen, bzw., je nach Perspektive, welchen nicht mehr gutzumachenden Schaden sie im psychosozialen Gefüge anrichten, z. B. indem sie dem Briefschreiben definitiv den Garaus machen und verstümmelte Dialektfetzen an die Stelle ausformulierter Gefühle setzen.

Jüngst ist ein Buch erschienen, das dieser Thematik Stoff liefert, von dem selbst vehemente Briefkulturaficionados trotz vielfältiger Briefeditionen quer durch die Jahrhunderte nicht einmal geträumt haben dürften. Es ist der Liebesbriefwechsel des französischen Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Albert Camus (1913–1960) mit der spanischen Schauspielerin Maria Casarès (1922–1996). Weil sich diese im Falle Camus außereheliche Liaison praktisch allen gängigen Moral- und sonstigen Vorstellungen entzieht, liefert der Briefwechsel umso tiefschürfendere Einsichten in das Innenleben zweier Menschen, in ein emotionales Klima von höchster Dichte und überhaupt in eine ganze Epoche, die hierzulande vorwiegend von Wiederaufbau, Arbeit, Verdrängung und Not gekennzeichnet war.

Eine Herausforderung

In so ziemlich jeder Hinsicht ist dieses Buch eine Herausforderung. Es beginnt beim Umfang und Gewicht (1560 Seiten dick, 1560 Gramm schwer), gilt für die zu veranschlagende Lesezeit von an die 100 Stunden, die aber nur der Anfang einer Entdeckungsreise sind. Einzig den Preis von gut 50 Euro möchte ich relativieren: Für das Gebotene ist er ein Schnäppchen! Zwei Virtuosen der Sprache, des Fühlens, der Sehnsucht, der Liebe und des Denkens tauschen sich in hinreißender Offenheit und in einem für unsere facebook-, E-Mail-, SMS- usw. Zeiten unglaublichen Umfang aus: Wie muss es in dir brennen, damit du in einem mit Arbeit, Familie, Freunden, Society prall gefüllten Alltag mehrseitige Liebesbriefe unterbringst?! Bei Camus und Casarès kann man es nachlesen.

Wer mitreden und noch mehr: wer andern dreinreden will, wo es um die Liebe und das Leben geht, soll das lesen. PEN

„Schreib ohne Furcht und viel. Eine Liebesgeschichte in Briefen 1944–1959“, Albert Camus, Maria Casarès. Rowohlt, 1560 Seiten.