Karl-Heinz Ströhle im Künstlerhaus: Vibrierende Streifen, dynamische Formen

Kultur / 18.07.2021 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Karl-Heinz Ströhle im Künstlerhaus: Vibrierende Streifen, dynamische Formen
In einer umfassenden Einzelausstellung der Landeshauptstadt Bregenz werden im Palais Thurn und Taxis Werke aus dem künstlerischen Nachlass von Karl-Heinz Ströhle (1957-2016) präsentiert. VN/PAULITSCH

Bewegung ist das zentrale Element der Sommerausstellung der Stadt Bregenz, die Karl-Heinz Ströhle gewidmet ist.

Bregenz Erstmals seit dem Tod des Künstlers vor fünf Jahren werden nun in einer umfassenden Einzelausstellung der Landeshauptstadt Bregenz im Palais Thurn und Taxis Werke aus dem künstlerischen Nachlass von Karl-Heinz Ströhle (1957-2016) präsentiert. Gezeigt werden Hauptarbeiten seiner Malerei und Bildhauerei, aber auch zahlreiche Kunst-am-Bau-Projekte und Videoarbeiten. Karl-Heinz Ströhle studierte am Mozarteum Salzburg und an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Seit Mitte der 1980er-Jahre waren seine Werke in internationalen Ausstellungen zu sehen, ab 1994 war er im öffentlichen Raum mit zahlreichen Projekten vertreten. Kurz vor seinem Tod wurde ihm der renommierte Konstanzer Kunstpreis zuerkannt. Als Zeichner und Maler, aber auch als Performance-, Objekt- und Medienkünstler im öffentlichen Raum ist Ströhle ein wichtiger Vertreter der zeitgenössischen Kunst in Österreich.

Im Palais Thurn und Taxis wird nun ein Querschnitt aus Karl-Heinz Ströhles Werk gezeigt. Im Garten empfängt den Besucher eine imposante, vier Meter hohe Skulptur, eine zu einer Kugel geformte Installation aus Federstahlbändern, dem Material, das Ströhles Werk wohl am stärksten geprägt hat.

Performance und Videoarbeiten

Den Kuratoren Judith Reichart und Pascal Hüppi gelingt es, sowohl die Vielseitigkeit des Künstlers als auch die Konstanten seines Werdegangs eindrücklich darzustellen: Ströhles konsequente Suche nach einer reduzierten ästhetischen Formensprache und seine multimediale Auseinandersetzung mit Linie und Raum. So verdeutlicht der Mix aus Arbeiten aus dem Früh- und Spätwerk die konsequente Entwicklung des Künstlers von der Linie zur Fläche und hin zur bewegten Form: die schwarz-weiß Streifenkompositionen „Gaps“ und geschwungenen Linienbilder der 1980er- und 1990er-Jahre werden von den späteren oft farbprächtigen „Blubs“ ergänzt; in den ab 2000 vermehrt entstandenen Videoarbeiten sowie mit den dreidimensionalen Skulpturen und „Wobbels“ aus Federstahl findet Ströhle zu der für ihn charakteristischen Multidimensionalität im Raum. Das performative Element, das Ströhles Schaffen durchgehend charakterisiert, manifestiert sich besonders in seinen Video-Arbeiten. Das Tänzerische spielt in vielen Arbeiten eine zentrale Rolle, so auch in „Gregor Samsa“ (2012), einer kafkaesken Doppelprojektion auf Boden und Decke, die zwei unter Stahlfederbändern sich windende Figuren zeigt und ein beklemmendes Gefühl vermittelt. Empfindungen, die in Kontrast zur Offenheit seiner Stahlkonstruktionen stehen. In „Tonne“ (2003) begibt sich Karl-Heinz Ströhle selbst in Gefangenschaft einer tonnenförmigen Federstahlskulptur.

Eine der eindrucksvollsten Videoarbeiten findet man im ersten Stockwerk: „Gerda“ ist eine Bodenprojektion, in der man als Besucher sofort mittendrin ist und damit Teil der so wiederbelebbar gemachten Performance der Tänzerin Gerda Schorsch wird. „Ströhles performative Arbeiten lassen sich ohne Beteiligung des Betrachters nicht erschließen. Sie entstehen aus der Bewegung und werden in der Bewegung wahrgenommen“, so Kuratorin Judith Reichart.

Eine spektakuläre Arbeit mit performativem Charakter ist das „Blub“-Bild von 2012 in Riesendimension. Durch die dreidimensionale Wirkung des Bildes scheinen die Blubs sich förmlich zu bewegen.

Der politische Ströhle

Dass Karl-Heinz Ströhle nicht nur Maler und multimedialer Künstler, sondern auch und vor allem Kommunikator politischer Botschaften im öffentlichen Raum war, verdeutlichen viele seiner Kunst-am-Bau-Arbeiten, die einen wesentlichen Bestandteil seines OEuvres darstellen und in zeitlicher Abfolge als Meander erstmals gesammelt präsentiert werden. In einigen dieser Arbeiten manifestiert sich deutlich das sozialpolitische Engagement des Künstlers, wie etwa in den „Schaufenstergeschichten“, die Ströhle gemeinsam mit Martin Strauß realisiert hat. Thema waren die EU-Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000 und deren mediale Resonanz. Ströhle und Strauss drapierten damals die Schaufenster eines Geschäftslokals in Wien mit Kopien von Zeitungsausschnitten und visualisierten mit der Gegenüberstellung von kritischen internationalen Medien und der österreichischen Presse eindrücklich die jegliche Verantwortung und Defizite zurückweisende Haltung Österreichs.

Ströhles Forderung nach sozialer Verantwortung und Solidarität ist heute ebenso aktuell wie damals. Das zeigt auch seine 2006 veranstaltete „Aktionsnacht für die Kunst“ im Wiener MAK-Garten. Mit einer Installation aus einem ins Gigantische vergrößerten Schwimmflügel und der Aufschrift „Rette sich wer kann“ protestierten Ströhle und Strauss damals für eine Neuausrichtung der österreichischen Kunstpolitik. Es ist ein kuratorisches Geschick, dass genau diese Aktion im August als Zusatzevent in Form einer Reinstallation zu erleben sein wird.

Auch posthum in Schwingung

Ströhles Projekte im öffentlichen Raum verdeutlichen die Wirkkraft seiner Arbeiten als „Appell, nicht in starren Denk- und Fühlmustern verhaftet zu bleiben, sondern Mut zu Empathie und zur (Fort-)Bewegung zu haben. Sein Ziel war es, Impulse zu setzen und mit dem Betrachter in Interaktion zu treten. Kurator Pascal Hüppi als Neffe des Künstlers war es wichtig, durch die ausgewählten Arbeiten den Blick auf die Zwischenräume im Werk Ströhles freizugeben. So ist auch dessen letzte Botschaft zu verstehen, die der Künstler in seinem letzten Kunst-am-Bau-Projekt für die Pädagogische Hochschule in Baden mit einem Zitat Erich Kästners zum Ausdruck bringen wollte: In einer 120 Meter langen Text-Skulptur aus Federstahl über dem Uni-Campus liest man Kästners Vers: „Ich könnte euch Verschiedenes erzählen, was nicht in euren Lesebüchern steht. Geschichten, welche im Geschichtsbuch fehlen, sind immer die, um die sich alles dreht.“ Vielleicht ist das, was zwischen den Zeilen und in den Zwischenräumen von Farbe und Form eines Werks zu spüren ist, letztlich auch das Geheimnis guter Kunst. Anna Greissing

Eröffnung der Ausstellung im Palais Thurn und Taxis in Bregenz (Gallusstraße 10) am 18. Juli, 11 bis 16 Uhr. Geöffnet bis 5. September, Di bis Sa, 14 bis 18 Uhr; So, 10 bis 16 Uhr.

Führungen durch die Ausstellung: 29. Juli und 19. August, jeweils von 17 – 18 Uhr.

Anmeldung unter: kultur@bregenz.at

Weitere Veranstaltungen: 

Einweihung der posthum rekonstruierten Bodenarbeit OHNE TITEL. In Kooperation mit dem Kunsthaus Bregenz. Mit einem Gespräch zum performativen Werk von Karl-Heinz Ströhle. Freitag, 23. Juli, 18 Uhr Karl-Tizian-Platz, Bregenz

Re-Installation im öffentlichen Raum „RETTE SICH WER KANN“. In Kooperation mit dem vorarlberg museum am Kornmarktplatz. Donnerstag, 19. August, 19–23 Uhr; Freitag, 20. und Samstag, 21. August, jeweils 10–18 Uhr