Festspielpremiere von “Nero”: Mehr Horror wäre schon noch drin

Kultur / 21.07.2021 • 23:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
"Nero" von Arrigo Boito wurde 1924 in Mailand uraufgeführt.  <span class="copyright">VN/Steurer</span>
"Nero" von Arrigo Boito wurde 1924 in Mailand uraufgeführt. VN/Steurer

“Nero”, die erste Premiere der Bregenzer Festspiele 2021, ist musikhistorisch sehr lohnend, einiges bleibt offen.

Bregenz Ich offeriere dir eine Reihe von Bildern, gerne auch solche mit assoziativer Kraft, und du formst dir eine Geschichte, verschaffst dir Einblick in die Materie. Ausstellungsmacher wenden diese Methode bereits an, um sich weder konkrete didaktische Absichten, noch Manipulation zuschreiben zu lassen. In der darstellenden Kunst ist das ebenso möglich. Dramen, vor allem Musikdramen aus früheren Jahrhunderten, reizen aber zum Nach- oder Umerzählen, das hinsichtlich seiner Kompaktheit oder seines Verhältnisses zur Musik gefällt oder nicht. Nach der Befassung mit dem Libretto, der Musik und vor allem der Umsetzung der Oper „Nero“ von Arrigo Boito als erste Inszenierung der diesjährigen Bregenzer Festspiele, ist Regisseur Olivier Tambosi weniger Vermittler als Anbieter. Manipuliert wird nicht, die aneinandergereihten, ineinander verschobenen und in den Fokus gerückten Bilder konfrontieren mit der Verfasstheit eines Menschen, der mit den Prinzipien von Gut und Böse ringt. Ein außergewöhnlicher Opernstoff, der auf der Bühne des Festspielhauses gar nicht so verkopft daherkommt. Würde die Musik nicht Abhilfe schaffen, so erschiene ein Konzept, das darauf ausgelegt ist, dass nahezu jede der Personen Facetten der Hauptfigur verdeutlicht, sogar als ziemlich einfach.

Nachvollziehbar

Ab seinem 20. Lebensjahr hat Arrigo Boito (1842-1918) um dieses und mit diesem Werk gekämpft. Dass er es dennoch unvollendet hinterlassen hat, lässt auf die Größe des Anspruchs schließen, hatte der hochgebildete Librettist und Komponist doch nichts weniger vor, als ein neues Musiktheater zu schaffen, und zwar mit einer Handlung bzw. einem Thema, das philosophisch-psychologische Erkenntnisse und den gesellschaftlichen Wandel im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert gleich auch noch in sich aufsaugt. Wir sind also bei der Abkehr von Konventionen, bei Sigmund Freud oder – um die Musik anzusprechen – bei Dissonanzen, die so vorher kaum auftauchten. Für das alles sollte als Hauptfigur der römische Kaiser Nero in seiner Unermesslichkeit herhalten. Das ging durchaus gut, die posthume, mit Hilfe von Arturo Toscanini zustande gekommene Uraufführung im Jahr 1924 wurde kein Desaster. In der Folge ließen die Intendanten aber meist die Finger von diesem Werk. Elisabeth Sobotka hatte schon 2016 die Oper „Amleto“ des Boito-Kollegen Franco Faccio im Programm, somit war der „Nero“ naheliegend.

Wie der gestrige Abend zeigte, ist die erste Premiere der Bregenzer Festspiele 2021 lohnend, szenisch besticht die Konsequenz des Vorhabens, etwas mehr Horror in der Umsetzung wäre aber schon noch drin. Während Dirigent Dirk Kaftan die erwähnten Dissonanzen, die Symphonik, den Impressionismus, also auch das, was über die Zeit des Komponisten hinausreicht, sowie die Italianità und auch den Verismo offenlegt und die Wiener Symphoniker samt Ergänzung durch Musiker aus der Region mit derart großer Besetzung auffahren müssen, dass der Orchestergraben nicht ausreicht und auch die Eingänge bespielt werden, konzentriert sich Olivier Tambosi, ein Regisseur und Musikwissenschaftler mit großer historischer Kenntnis, auf das Introspektive. Die gesamte Geschichte von einem Regenten, der einen Muttermord begeht (oder beauftragt), ihn – anders als der besungene Orest – nicht rechtfertigen kann, der zur Beschäftigung mit den Abgründen und dem Grauen seine Macht ausnützt, spielt im Kopf der Titelfigur. Alle weiteren dienen nur zum Teil dem Handlungsverlauf, verdeutlichen auch Aspekte des Charakters. Kostümbildnerin Gesine Völlm zeichnet es mit gut verteiltem Theaterblut.

Aber auch lästig

Hat man es kapiert, nutzen sich die Bilder aber auch rasch ab, allzu oft bleibt die doppelte Drehbühne von Frank Philipp Schlössmann leer. Mit Zeitbezügen zum Ende des 19. Jahrhunderts wird etwas gegengesteuert. Ein Salon mit Billardtisch und Barwagen muss für die Dekadenz herhalten, das Gestikulieren mit Büchern für den geistigen Überbau, die Urchristen für das Schöne. Im Nonnenhabit entsprechen die Szenen dem Heiligenbildchenkitsch, der uns aus der Entstehungszeit der Oper bekannt ist. Dass Verzückung dabei auch erotisch konnotiert sein kann, findet ebenso Verwendung wie die Scheu des Mannes vor der Weiblichkeit. Neben viel schwülstiger und damit auch lästiger Ästhetik, bietet Tambosi Zitate und Denkanstöße. Das ist weitgehend nachvollziehbar, korrespondiert mit den abrupten Übergängen in der Musik, birgt aber auch die Gefahr einer irrlichternden Vielschichtigkeit.

Die Musik braucht sie nicht zu kitten, die Stimme des mexikanischen Tenors  Rafael Rojas bietet in ihrer Größe und ihrem Umfang einen derartigen Fixpunkt, dass der lange  Abend auch dadurch Spannung erfährt, der Italiener Lucio Gallo (Simon Mago) kontert in der Baritonlage, die russische Sopranistin Svetlana Aksenova (Asteria) mit immensem Sopran, der Kanadier Brett Polegato (Fanuèl) mit sattem Wohlklang. Alessandra Volpe (Rubria), die italienische Mezzosopranistin, brilliert mit wunderschönem Timbre. Die wuchtigen Orchesterstellen verlangen nach Feinarbeit, die die Symphoniker unter Kaftan bewältigen, und die der Prager Philharmonische Chor hören lässt. Aus musikhistorischer Perspektive bzw. hinsichtlich der Erweiterung des Repertoires ist die Wahl des unvollendeten Werks einleuchtend. Mit der Vertonung des 5. Aktes mit einer sich quasi opfernden Asteria hätte sich Boito hinsichtlich fragwürdiger Frauenfiguren ohnehin nichts Gutes getan.

Weitere Aufführungen der Oper “Nero” von Arrigo Boito am 25. Juli, 11 Uhr, und am 2. August, 19.30 Uhr, im Bregenzer Festspielhaus. (Dauer: knapp zwei Stunden inklusive Pause.)