So wirklich ist die Wirklichkeit

Kultur / 21.07.2021 • 18:27 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Anna Dot und Juan David Galindo Guarin bespielen die Galerie Lisi Hämmerle.VN/HF
Anna Dot und Juan David Galindo Guarin bespielen die Galerie Lisi Hämmerle.VN/HF

Ein Gastspiel in der Galerie Lisi Hämmerle, bei dem einem Kunst nicht spanisch vorkommt.

Bregenz Jung sollte man sein und dazu noch Künstler. Dann könnte man an so einem Austauschprogrammen teilnehmen, wie es die Kulturabteilung des Landes mit der spanischen Organisation Hangar.org betreibt. Im Juni wurden die beiden Vorarlberger Kulturschaffenden Sarah Rinderer und Hanna Schaich nach Barcelona entsandt, im Gegenzug machen nun Anna Dot (Jahrgang 1991) und Juan David Galindo Guarin (Jahrgang 1992) zeitgenössische Kunst in der Landehauptstadt.

Das Ergebnis ihres Aufenthalts ist ab heute, Donnerstag, 19 Uhr, für alle interessierten Zeitgenossen und -innen in dem einzig sinnvollen Raum dafür, der Galerie Lisi Hämmerle in der Bregenzer Anton-Schneider-Straße, zu bestaunen. Die Ausstellung läuft unter dem Oberbegriff „Present“, welcher Freunde des Wortspiels gleich vergebens die Hände reiben lässt, da die Kulturabteilung ihnen die Arbeit abgenommen hat und das Ganze mit „Vorstellen“ übersetzt hat. Da es sich eigentlich um zwei Projekte unter einem Deckmantel handelt, die sich auf unterschiedlicher Weise, mit dem in diesem Fall flapsig formulierten Oberbegriff Realität auseinandersetzen, darf man den Titelgebern keinesfalls Fantasielosigkeit vorwerfen. „Es gibt Dinge, die man nicht sieht, aber die dennoch da sind. Die Projekte sind wie zwei Kapitel aus einem Buch“, bringt Anna Dot es unter einen Hut.

Oral History

Die Künstlerin stellt ihre Recherche zum Karl-Tizian-Platz, wo heute das Kunsthaus steht, unter dem Titel „Eine fluktuierende Gleichzeitigkeit“ zur Schau. Doch sie wirkt nicht nur in der Galerie, es stehen auch drei Termine direkt vor dem KUB auf dem Programm. Dots Steckenpferd ist die Perzeption. Sie ist nicht per se am Kunsthaus interessiert, sondern an dem Ort an sich und wie zeitgenössische Kunst ihn verändert hat. Dafür führte sie über 20 Gespräche mit Zeit- und Ortszeugen bzw. Leuten, die es einfach wissen müssen. Die wissenschaftlich getränkte Geschichte von Stadtarchivar Thomas Klagian unterscheidet sich sicher stark von den biografisch dominierten Anekdoten von Rudolf Sagmeister oder Walter Fink. In den 50er-Jahren war dort ein Friseur-Saloon, später hatte die BAWAG an diesem Ort zwecks Umzugs ein Zwischenlager. Von wem welche Geschichte stammt, ist am Ende des Tages auch unerheblich.

Der Künstlerin geht es um Oral History, aus welcher sie Überblendungen gestaltet. Während der Ausstellung können Besucher der Galerie ihre Erinnerung an diesen Ort auch an den Auswurf einer Overhead-Präsentation an die Wand malen. Nicht nur Sieger schreiben die Geschichte, jeder mit Lokalkolorit kann das machen. Bei den Performances am Platz selbst werden die Erinnerungen der Gesprächspartner von mehreren Partizipanten vor Ort, wenn man sich ihnen nähert, wahllos ausgeplaudert. Am letzten Termin wird im KUB-Café gejasst und Wein getrunken. Das ist eine Reminiszenz an das Feierabend-Ritual des Friseur-Salon-Betreibers. Da prallen dann Vergangenheit, Gegenwart und potenzielle Zukunft aufeinander, was überaus versöhnlich wirkt.

Realität und Fiktion

Juan David Galindo Guarin hat die Installation „Deferred Space“ in den hinteren Bereich des Raums gebaut. Um der Kulturabteilung die Arbeit des Übersetzens abzunehmen: Das bedeutet verschobener Raum und trifft den Nagel auf Kopf. Der junge Mann hat eine geradezu diebische Freude an seiner Themensetzung (Spannung zwischen Realität und Fiktion). Diese sei ihm vergönnt und auch über die provisorische Umsetzung darf man hinwegsehen, denn seine Ideen sind durchaus witzig und gleichsam kritisch. Für seine Arbeit sind Bildschirme essenziell, denn „der Mensch verbringt so viel Zeit, ob bei der Arbeit oder im Privaten, vor einem solchen Gerät“, erklärt der Künstler.

Insgesamt vier braucht er für seine Installation. Auf dem ersten sieht sich der Betrachter zeitverzögert selbst, intervallmäßig wird dann jener bekannte Clip von Chaplins „Moderne Zeiten“ von 1936 eingespielt, in welchem Charlie komplett in das Maschinengetriebe der Anlage gerät, dort mit riesigen Zahnrädern gemeinsam rotiert und zwanghaft an den erreichbaren Schrauben dreht. In einer Leistungsgesellschaft darf einem das zu denken geben. Der zweite Monitor funktioniert wie ein Spiegel. Von der Selbstreflexion zur Reflexion. „Das ist ein Spiel. Es ist nicht die Realität, sondern nur ein Bild davon.“ Bei der dritten Station spielen die restlichen beiden Bildschirme eine unterschiedliche Rolle. Auf einem läuft ein, je nach gesellschaftlicher Grenzdefinition, provokantes Video des Künstlers, in welchem sich dieser in übertrieben provokanten Posen übt, die sonst nur über Bezahlportale auf einschlägigen Seiten im weltweiten Netz konsumierbar sind. Dieser Bildschirm ist mit einer Kamera gekoppelt, welche die Reaktionen der Betrachter auf einen weiteren Monitor überträgt, welcher von den für eben dieses Video Anstehenden ersichtlich ist. Der britische Regisseur Christopher Nolan könnte das in einen abendfüllenden Spielfilm packen.

Guarin zeichnet sich auch für eine weitere Installation verantwortlich. Um in die Galerie zu gelangen, muss ein semitransparenter Plastikvorhang durchschritten werden. Für Eintretende ist ein zerbrochener Spiegel ersichtlich, für Austretende ein aus des Künstlers Erinnerung rezitierter Satz des spanischen Schriftstellers und Physikers Agustín Fernández Mallo. Die Frage, ob man, wenn man nach dem Verlassen von „Present“ den letzten Treppenabsatz hinter sich gebracht hat, in der Wirklichkeit angekommen ist, darf sich jeder Besucher und jede Besucherin selbst beantworten.

„Present“ ist bis zum 29. Juli in der Galerie Lisi Hämmerle zu erleben. Mehr Informationen unter www.galerie-lisihaemmerle.at