Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer: Fairness rückt in den Fokus der Kulturpolitik

Kultur / 23.07.2021 • 11:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer: Fairness rückt in den Fokus der Kulturpolitik
Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer: “Für mich ist es essenziell, dass wir eng mit den Ländern und den IGs zusammenarbeiten.” VN/STEURER

Der Bund erstellt eine Kulturstrategie und will schon im Herbst dieses Jahres Maßnahmen gegen prekäre Arbeitsverhältnisse vorlegen.

Sie sprachen bei der Bekanntgabe des Kulturbudgets des Bundes von Schwerpunktsetzungen. Welche werden das sein?

Mayer Wir wollen den Fairnessprozess fortsetzen. Es geht dabei nicht nur um die Bezahlung, sondern auch um die Arbeitsbedingungen. Dann haben wir mit der Erstellung einer Kunst- und Kulturstrategie begonnen. Wie geht es nach Corona weiter? Welche Lerneffekte gibt es, was braucht es jetzt? Ich möchte die österreichischen Künstlerinnen und Künstler dabei unterstützen, stärker auf internationalen Bühnen Erfolge zu haben. Das kann beispielsweise mit Auslandsaufenthalten und Stipendien geschehen.

Themen wie Diversität und Digitalisierung sollen bei der Erstellung der Kulturstrategie eine Rolle spielen. Welche konkreten Ansätze sind damit verbunden?

Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer im Gespräch mit den VN.
Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer im Gespräch mit den VN.

Was die Diversität betrifft, ist es vor allem auch wichtig, dass wir darauf achten, wie wir das Publikum erreichen können und welches wir erreichen. Vielleicht haben wir noch nicht ausreichend Einladungen an Personen ausgesprochen, die sich bislang noch nicht von der Kunst angesprochen fühlten. Außerdem stellt sich die Frage, wie unsere Beiräte und deren Zusammensetzung ausschauen.

Die Beiräte, deren Mitglieder Förderungsansuchen behandeln und Empfehlungen abgeben, haben vor allem für die freien Kulturschaffenden eine wichtige Funktion. Bleibt das Modell so?

Ja, manche werden nach drei Jahren zur Gänze neu besetzt, manche sind rollierend. Wir haben immer auf die Kriterien geschaut, etwa, dass die Zusammensetzung nicht zu wienlastig ist, sowie auf eine gute Verteilung der Generationen und der Geschlechter. Aber man muss hier auch über neue Kriterien nachdenken.

Was die Unterstützungsfonds und Coronahilfen betrifft, gab es Kritik, weil freie Kulturschaffende nicht im gleichen Maß davon profitieren wie Unternehmer anderer Branchen. Diese Kritik wurde auch von Interessensvertretern vorgebracht. Was ist schiefgelaufen?

Die Überbrückungsfinanzierung bei der SVS war dafür gedacht, existenzielle Probleme überwinden zu helfen. Fürs Erste ist das, was wir im Mai vorigen Jahres aufgestellt haben, sehr schnell gegangen. Künstlerinnen und Künstler hatten auch die Möglichkeit, um Umsatzersatz anzusuchen, genauso wie um den Härtefallfonds. Künstlerinnen und Künstler werden genauso behandelt wie andere EPUs, aber zusätzlich gibt es eben noch die kulturspezifischen Maßnahmen. Wir haben ständig Kontakt mit Interessensvertretern. Es ist mir schon klar, dass wir nicht alles ersetzen konnten, aber es war ein substanzieller Beitrag, mit dem wir erreichen wollten, dass Künstlerinnen und Künstler bei ihrer Tätigkeit bleiben können.

Es wäre interessant zu eruieren, wie viele dann doch darauf angewiesen waren, sich beruflich komplett neu zu orientieren.

Es wird Einzelfälle geben. Grosso modo haben wir die Initiativen so unterstützt, dass sie weiterarbeiten können. Interessant war auch, dass wir durch diese Krise in Kontakt mit Bereichen des Kulturlebens getreten sind, die bisher nicht in unserem Förderfokus waren. Wir schauen uns neue Projekte an, sodass wir nichts versäumen. Und wir haben ein Neustartprogramm in der Höhe von 20 Millionen Euro aufgesetzt, das den Weg zurück zur Normalität begleiten soll.

Die Regierung hatte lieber 3000 Personen unkontrolliert in einem Einkaufszentrum als 300 in einem Konzert. Diesen Satz von Musikern bzw. Veranstaltern habe ich mehrmals gehört. Können Sie den Unmut der Betroffenen bezüglich der Pandemieverordnungen nachvollziehen?

Ja und nein, wir haben uns immer dafür eingesetzt, bei den Öffnungsschritten den Bereich der Kultur gut zu behandeln. Museen konnten aufsperren, als der Handel offen war. Kultureinrichtungen, die Veranstaltungen anbieten, wurden gemeinsam mit der Gastronomie geöffnet. Ich glaube schon, dass es da einen Gleichklang gegeben hat.

Sie haben in Ihrer Rede zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele die Modellregion Vorarlberg lobend erwähnt. Ab Mitte März waren in Vorarlberg Veranstaltungen möglich. War man woanders zu wenig initiativ?

Die negativen Inzidenzzahlen waren das wesentliche Gegenargument. Es ist nicht immer alles so leicht erklärbar, aber natürlich ist es genauso notwendig, dass wir Anregungen für unseren Geist und unsere Seele bekommen.

Es gibt aber Möglichkeiten, die Kunst adäquater zu berücksichtigen. In Luxemburg waren aufgrund der guten Präventionskonzepte Kulturveranstaltungen möglich, während man die Gastronomie noch geschlossen hielt.

Wir hatten bis zum 2. November noch bis zu 1000 Leute in den Konzertsälen und im Theater. Das war ein Signal, wie wichtig die Kultur in Österreich ist.

Sie haben sich das Thema Fair Pay vorgenommen. Wann wird die Initiative spürbar?

Wir haben Ende September eine Veranstaltung mit den Bundesländern geplant. Dabei wollen wir erste Maßnahmen vorstellen. Für mich ist es essenziell, dass wir eng mit den Ländern und den IGs zusammenarbeiten, denn nur dann wird das eine Durchdringung erfahren. Denkbar ist etwa die Berücksichtigung von Fair Pay als zusätzliches Förderkriterium.

Vor wenigen Tagen wurde das Abkommen zur Finanzierung der Ertüchtigung des Bregenzer Festspielhauses erneut thematisiert. 40 Prozent der 55 Millionen Euro, die die öffentliche Hand übernimmt, kommen vom Bund. Das klingt gut, allerdings fließt nach Salzburg für die dortige Sanierung der Häuser eine weitaus höhere Summe.

Die Summen ergeben sich aus dem Bedarf. Wenn wir Kultur erleben wollen, brauchen wir Häuser, in denen sie stattfinden kann. Es ist eine große Investition in Bregenz, aber sie ist notwendig. 

Die Bundestheater werden, wie der Name schon sagt, vom Bund finanziert. Eine Kooperation mit den Bregenzer Festspielen ist nun angekündigt. Sehen Sie eine Möglichkeit für eine noch stärkere Präsenz der Bundesinstitutionen in den Bundesländern, oder ist das kein Thema?

Das Burgtheater kooperiert schon lange mit den Salzburger Festspielen, vielleicht kann man da mit der Staatsoper auch noch etwas erreichen.  Ich möchte gerne mitnehmen, dass man die Kooperationen weiterzieht. Die Bundesmuseen haben ihrerseits eine Initiative mit der Dependance in Tirol ergriffen.  Das Belvedere hat in Salzburg eine Präsenz geplant.

Nach dem Muster der Theaterallianz, die das Bregenzer Theater Kosmos mit Mittelbühnen in den Ländern geschlossen hat, könnten Produktionen einzelner Unternehmen länger laufen. Ist das ein Thema?

An solche Dinge denke ich durchaus. Wenn Produktionen länger gespielt werden können, sieht das auch für die Künstlerinnen und Künstler besser aus. Das ist sicher ein Thema in der Kunst- und Kulturstrategie.