“Rigoletto” auf dem See bleibt ein phantastischer Gefühlszirkus

Kultur / 23.07.2021 • 09:50 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
"Rigoletto" auf dem See bleibt ein phantastischer Gefühlszirkus
Der Clownskopf auf der Bregenzer Seebühne lebt wieder . Die Premiere der Wiederaufnahme der Festspielproduktion “Rigoletto” wurde bejubelt. VN/STEURER, SERRA

Da kann der Clown lachen wie er will. Am Bodensee wird Verdis „Rigoletto“ zur Frauensache.

Bregenz Es ist Festspielzeit am Bodensee. Woran man das erkennt? Vielleicht daran, dass sich der „Star im Hintergrund“, der See und die Bühne selbst, am Premierenabend von Verdis Oper „Rigoletto“ von ihren besten Seiten zeigten. Ganz sicher aber an der Musik, den Stimmen, den Ideen der Regie, die das große Kino aus dem Effeff beherrschen und sich doch auch mancherorts auf die kleinen Hinweise verstehen. Natürlich, das Spiel auf dem See ist auch Spektakel. Es ist aber mehr als nur das.

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Die Musik ist hier ein gutes Beispiel. Früher saßen die Wiener Symphoniker im Orchestergraben aus Beton hinter der großen Freiluftbühne. Den Wellengang zu Füßen wurde dort musiziert. Heute sitzt das Orchester im großen Saal des Festspielhauses. Die hochentwickelte Tontechnik macht es möglich und „zaubert“ die akustische Illusion eines realen Orchestergrabens aus dem Haus auf die Seebühne. Tut das dem Hörerlebnis Abbruch? Keinesfalls. Gute Musik ist immer gute Musik. Dasselbe gilt für das Stück an sich. Die Erfolgsgeschichte von Verdis „Rigoletto“ beginnt mit der Premiere 1851 in Venedig und bleibt bis heute ungebrochen. Natürlich wird manches in der Vergrößerung, die das Stück ganz eindeutig auf der Seebühne erfährt, platter, kommt anfangs sogar stellenweise zäh in Fahrt. Gut ist es aber deswegen immer noch – und wird in Bregenz heuer ganz eindeutig zur Frauensache.
Das mag auf den ersten Blick im Gegensatz zur Handlung des „Rigoletto“ stehen. Hier scheinen die Männer am längeren Hebel zu sitzen, die die Damen als Spielball und austauschbare Betthupferchen missbrauchen. Eigentlich sind es aber doch die Frauenrollen, die auch im „Rigoletto“ innere Stärke beweisen. Sie handeln, auch wenn es für sie nicht immer gut ausgeht.


Der Hofnarr Rigoletto führt dem Herzog von Mantua eine Gespielin nach der anderen zu. Er ist ein zwar kleines, aber nicht unwesentliches Rädchen in diesem üblen Werk. Ob die Damen das wollen oder nicht, interessiert ihn nicht. Bis der Blick des Herzogs auf Rigolettos Tochter Gilda fällt. Das lässt ihn dann doch nicht mehr ganz so unberührt. Kurz und gut, Gilda wird entführt und dem Herzog, in den sie sich zu allem Übel auch noch verliebt, zugeführt. Rigoletto versucht seine Tochter vor dem Herzog in Sicherheit zu bringen und beauftragt den Mörder Sparafucile, ihn zu töten. Der hat Gilda aber längst ad acta gelegt und nur noch Augen für Sparafuciles Schwester Maddalena. Maddalena rettet sogar das Leben des Herzogs, indem sie sich ihrem Bruder, dem Mörder, ebenfalls in frisch entflammter Liebe in den Weg stellt. Um Rigoletto glauben zu machen, er habe den Herzog ermordet, beschließt Sparafucile den nächsten Mann zu töten, der ihm begegnet. Gilda, die das gehört hat, tritt Sparafucile als Mann verkleidet gegenüber und beendet mit ihrem Tod das Melodrama um Lust, Rache und die große Liebe.


Regisseur Philipp Stölzl taucht diesen großen Gefühlszirkus in eine gruselig-schaurige Jahrmarkszenerie. Das Lachen des Clowns ist heimtückisch, die Liebenden werden in der überdimensionalen Manege der Seebühne vorgeführt. So wie die Fassade, hinter der Rigoletto sein böses Spiel spielt, Stück für Stück zerbröselt, zerfällt auch der das Bühnenbild dominierende Clownsschädel immer mehr und mehr. So grell wie das Verlangen des Herzogs dargestellt wird, so poetisch wählt Stölzl das Bild des zum Himmel aufsteigenden Ballons für die Liebe, die Gilda in ihrer Arie „Caro nome“ besingt.  


Überhaupt kann dem gesamten künstlerischen Team gratuliert werden. Ekaterina Stoyanov ist eine stimmlich ausgezeichnete Gilda, Katrin Wundsam – aufmerksamen Verfolgern der Bregenzer Seebühnengeschichte bereits aus der ersten „Rigoletto“-Auflage 2019 bekannt, eine stimmlich wie schauspielerisch absolut überzeugende Maddalena. Long Long als lustgetriebener Herzog und Vladimir Stoyanov als schließlich verzweifelnder Rigoletto starten nach kleinen anfänglichen Unsicherheiten voll durch. Aber auch in den kleineren Partien wie etwa der des Sparafucile (Levente Páll) oder des Marullo (Wolfgang Stefan Schwaiger) finden sich starke, schön ausbalancierte Stimmen.  
A propos Frauensache, der dritten Dame des Abends – neben Gilda und Maddalena –  begegnet man über die Musik. Mit der Britin Julia Jones dirigiert nämlich erstmals eine Frau das Spiel auf dem See. Auch sie startet langsam. Beinah etwas zahm scheint sie mit den Symphonikern den Abend zu beginnen. Dann aber legt sie an Tempo zu, findet zur perfekten Mischung an Volumen, sensibler Führung und zarten fast intimen Passagen. Das weibliche Seebühnendebüt? Nichts als gelungen.

   
Nun ist Verdis „Rigoletto“ ja keine Oper, die von großen Chorpassagen leben würde. Im Gegenteil, Verdi wählt hier auffallend oft den kleineren, intimeren Rahmen des Duetts für seine Musik. Wo aber der Chor zum Einsatz kommt, da überzeugt er in Bregenz. Ein Kompliment also auch an die Sängerinnen und Sänger des Prager Philharmonischen Chor, den Bregenzer Festspielchor und deren Leiter Lukas Vasilek und Benjamin Lack.
Es ist immer wieder herausfordernd, eine Oper für die besonderen Gegebenheiten und den Charakter der Bregenzer Seeproduktionen zu realisieren. Philipps Stölzl und sein Team, Julia Jones und die Wiener Symphoniker, die Solistinnen und Solisten genauso wie die Chorsängerinnen und -sänger  und nicht zuletzt die Artisten des Wired Aerial Theater haben diese Herausforderung angenommen. „Rigoletto“ in Bregenz, das ist natürlich groß, das ist teilweise grell und plakativ, aber es überzeugt auch. Der Premierenapplaus steht als deutlich hörbares Zeichen für sich. Veronika Fehle

„Rigoletto“ ist bis 22. August auf der Bregenzer Seebühne zu sehen. Beginnzeiten: im Juli jeweils um 21.15 Uhr, im August um 21 Uhr. Dauer: ca. zwei Stunden.