Der „Musik & Poesie“-Start bei den Festspielen war ein Liederabend der ganz besonderen Art

Kultur / 26.07.2021 • 15:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der „Musik & Poesie“-Start bei den  Festspielen war ein Liederabend der ganz besonderen Art
Pianistin Tamar Halperin und der Tenor Julian Prégardien im Seestudio. BF/ANJA KÖHLER

Nahtlos durch vier Jahrhunderte.

BREGENZ Der Liederabend in seiner reinsten Form ist eine Disziplin, die man bei den Bregenzer Festspielen angesichts der Nachbarschaft eines bedeutenden Liederfestivals kaum vorfindet. Wenn schon, dann macht man ein solches Konzert zum exklusiven Ereignis wie beim Auftakt zur kleinen, aber feinen Reihe „Musik & Poesie“ im Seestudio. Da bedarf es dann auch keines Sprechers mehr, die Poesie erschließt sich hier allein über das gesungene Wort.

Aufgeboten für einen solch exquisiten Abend sind der deutsche Tenor Julian Prégardien und die israelische Pianistin Tamar Halperin, zwei Künstler mittleren Alters, die mit Auftritten und Auszeichnungen bereits internationale Beachtung gefunden haben. Prégardien ist seit 2013 zusammen mit seinem Vater Christoph oder auch solo bei der Schubertiade zu Gast, stand in Salzburg und Berlin auf der Opernbühne und leitet in München eine Liedklasse. Tamar Halperin zog es zunächst zu einer professionellen Tenniskarriere, bevor sie an der Juilliard School New York mit einer Dissertation über Bach die richtige Richtung fand und zu einer umfassend gebildeten Pianistin, Cembalistin und Dirigentin zwischen Barock und Zeitgenössischem wurde.

Genau diese Pole umfasst auch das Programm dieses Liederabends. Eingebettet ist es als Besonderheit freilich in ein faszinierend geschlossenes, zwingendes Konzept, das die verschiedenen Stile und Werke wie in einem großen Bogen miteinander verbindet, nahtlos durch vier Jahrhunderte. Noch wähnt man sich in England bei Purcells tieftraurigem „O! Solitude“ („O Einsamkeit“) in Form einer Chaconne mit einem ständig wiederkehrenden Ostinato-Motiv im Klavierbass, wendet sich das Blatt unversehens zu einem neckischen frühbarocken Lied von Barbara Strozzi aus dem alten Venedig, „L’amante segreto“, „Der heimlich Liebende“. So gegensätzlich die beiden Gesänge inhaltlich sein mögen, so sehr offenbart Prégarien darin seine Nähe zur mühelos leichten, wie schwebend stilgerechten Vokalgestaltung in der Alten Musik, glasklar, vibratoarm, voll Wärme und Ausdruck und mit leicht ansprechendem Wechsel auch ins Falsett – alles Eigenschaften, die er sich schon beim Limburger Knabenchor angeeignet hat. Nicht weniger zuhause in der subtilen Mitgestaltung am Flügel zeigt sich die meditativ wie versunken wirkende Tamar Halperin und offenbart darauf in einem instrumentalen Bach-Intermezzo ihren bewundernswert unverkrampften Zugang zu dessen Klavierwerk. Ihre auch hier ineinander verflochtene Auswahl setzt ein unscheinbares Menuettchen aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach Teilen seiner „Neun kleinen Preludes“ und zwei seiner „Französischen Suiten“ absolut gleichwertig entgegen.

Der Saal wagt kaum zu atmen, so sehr haben die beiden Künstler mit ihrer Konzentration alle in ihren Bann geschlagen, als man mit einer Fortissimo-Dissonanz plötzlich im Jetzt landet. „A Padmore Cycle“ ist ein Liederzyklus, den der Tiroler Komponist Thomas Larcher 2010 für den exzellenten britischen Tenor Mark Padmore komponiert hat und der eigentlich in Zusammenhang mit Larchers Oper „Das Jagdgewehr“ 2018 in Bregenz hätte aufgeführt werden sollen. Padmore musste absagen, dafür wagt sich Prégardien nun mutig als erster Sänger nach dem Widmungsträger an diese zwölf Gesänge nach Texten von Hans Aschenwald und Alois Hotschnig. Da geht es nun ordentlich zur Sache einer zeitgemäß eigenständigen Liedgestaltung, mit Flüstern und Schreien, Singen und Sagen, zwischen Geräuschhaftem und Konventionellem, ergänzt durch perkussive und harfenartige Griffe beider Künstler in den Korpus des Klaviers. Das gibt diesen eindringlichen Aphorismen eine weit ausgreifende, teils auch knapp wie stenografierte Reduktion von starker Eindringlichkeit, dem Zyklus aber den Gesamteindruck einer inneren Verlorenheit. Es ist, als Merkmal von „Musik & Poesie“, quasi auch eine Einstimmung zu Larchers Symphonie Nr. 3 beim Orchesterkonzert des SOV. Fritz Jurmann

“Musik & Poesie”: 1. August, 19.30 Uhr, Seestudio (Habe-Quartett)

Orchestermatinee des SOV: 22. August, 11 Uhr, Festspielhaus (Symphonie Nr. 3 von Thomas Larcher)