In der Ruhe liegt bei ihm die Kraft

Kultur / 27.07.2021 • 20:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Andrés Orozco-Estrada mit den Wiener Symphonikern, dem Bregenzer Festspielchor, dem Kornmarktchor und Solisten im Festspielhaus. BF/Mathis
Andrés Orozco-Estrada mit den Wiener Symphonikern, dem Bregenzer Festspielchor, dem Kornmarktchor und Solisten im Festspielhaus. BF/Mathis

Symphoniker-Chef Andrés Orozco-Estrada führte Haydns „Schöpfung“ zum Triumph.

BREGENZ Ein Festkonzert, das seinen Namen auch verdient, und eine Überraschung dazu. Der neue Symphoniker-Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada präsentierte im ersten Orchesterkonzert der Bregenzer Festspiele Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ nicht als knalliges Jubelstück über die Erschaffung der Welt, sondern als kammermusikalisch intimes Feingewebe. Ein ausverkauftes Festspielhaus bejubelte die Aufführung mit minutenlangen Ovationen. Ein triumphaler Erfolg für alle Beteiligten und ein Erlebnis der ganz besonderen Art zum 75-Jahr-Jubiläum der Festspiele.

Haydns 1799 uraufgeführte „Schöpfung“ ist heute das klassische Standardwerk, ein Allzeit-Hit der Oratorienliteratur, durch seine gute Verständlichkeit und Volkstümlichkeit längst unverzichtbar geworden beim Publikum. Schon in den ersten Festspieljahren hat man die besondere Anziehungskraft dieses Werkes mit seinen bis heute gültigen Idealen von Kunst, Humanität und Gläubigkeit erkannt. Es erklang erstmals am 4. August 1957 in der Bregenzer Sporthalle unter Joseph Keilberth mit den Symphonikern und dem Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wien. Nicht zuletzt durch Aufführungen der Vorarlberger Oratorienvereinigung unter Elgar Odo Polzer erhielt „Die Schöpfung“ danach beim Bregenzer Publikum ihren enormen Bekanntheitsgrad.

In Chef-Funktion am Pult

Andrés Orozco-Estrada ist in Bregenz von früheren Auftritten bekannt, aber erstmals offiziell in seiner Chef-Funktion am Pult. Natürlich ist der gebürtige Kolumbianer ein Temperamentbündel, das seine Gestik bei Haydn jedoch respektvoll ins Gegenteil verkehrt und ganz in den Dienst einer innig verhaltenen, tief gläubigen Wiedergabe des Werkes stellt. In der Ruhe liegt bei ihm jene Kraft, die schon im einleitenden „Chaos“ Momente von fast unhörbarem Piano erzeugt und auch den ersten Ausbruch „… und es ward Licht“ stets unter Kontrolle behält. Dazu macht der Maestro seine Absicht auch über eine Reduktion im Orchester deutlich. Er hat gleich einmal die angekündigte „große Besetzung“ auf ein erweitertes Kammerorchester verringert, und die Wiener Symphoniker fühlen sich dabei auch sichtlich wohl, schlank, flexibel und mit größter Sorgfalt zu reagieren. Natürlich tragen fortan neben anschaulichen Erzähl-Rezitativen und Arien auch effektvoll kräftige Chöre mit Ensemble wie „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ oder der pompöse Schlusschor „Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit“ dem festlichen Anlass Rechnung.

Die Größe des Orchesters entspricht auch einer idealen Klangbalance mit dem Chor aus gezählten 72 Sängerinnen und Sängern aus der Region, vom 1948 gegründeten Festspielchor, vom 1992 ins Leben gerufenen Kornmarktchor und weiteren Stützen des Sängerwesens im Land. Auch wenn Orozco-Estrada selbst die letzten Gesamtproben mit dem Chor geleitet hat, gebührt doch die Palme für die detaillierte Vorbereitungsarbeit dem unglaublich routinierten Benjamin Lack, der einen Sonderapplaus erhält. Er weiß genau, wie man viele Einzelstimmen zu einem geschlossenen vokalen Klangkörper formt, der qualitativ höchsten Anforderungen gerecht wird. Damit steht dieser Ad-hoc-Chor professionellen Vorbildern kaum nach, wenn es um Strahlkraft, Volumen und komplexe Fugenthemen bei Haydn geht.

Engelsgleich

Auch die Solisten passen sich mit ihrem lyrischen, gepflegten Stimmmaterial dem zurückhaltenden Konzept an. Sie repräsentieren am Beginn die drei Erzengel Gabriel (Sopran), Uriel (Tenor) und Raphael (Baß), im dritten Teil die ersten Menschen Adam und Eva. Die Sopranistin Shira Patschornik singt berückend schön und wirklich engelsgleich, sauber, mit großem Ausdruck und leichtfüßigen Verzierungen. Ihr Originaltext als Eva nach van Swieten im Duett mit dem „teuren Gatten“, „Dir gehorchen bringt mir Freude, Glück und Ruhm“, entlockt manchem wohl ein Schmunzeln. Ebenso sorgt der sympathische Florian Boesch (Raphael und Adam) mit seinem wohlklingenden Bassbariton für Heiterkeit, wenn er bei der Erschaffung der Tierwelt die gesamte Menagerie mit ihren lautmalerischen Elementen vorführt, bis hinunter zum Gewürm. Der Tiroler Tenor Patrik Reiter bewährt sich hellstimmig und mit feinem Timbre.

Zweites Festspiel-Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker: 1. August, 11 Uhr, Festspielhaus; Dirigent Andrés Orozco-Estrada (Wagners Oper „Rheingold“ halbszenisch)